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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-22 · Heft 4 (22.1.1867) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 4 (22.1.1867)
Date
1867-01-22
Page
Seite 78 (sequence 18)
Language
German
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78 zusammengeschaart, was irgend ein Amt in der Gemeinde bekleövete oder durch Ansehen und Stand über dem gewöhnlichen Haufen sich erhob. Sie drängten sich um den hohen Lehnstuhl, in welchem der würdige Greis saß; sie standen in allen Räumen des Saales zusammen und besprachen laut und heftig den unseligen Gegenstand, der sie hierhergebracht. Es waren traurige Nachrichten eingelaufen. Abermals hatte sich ein ungeheurer Menschenschwarm zusammengefunden, der mit dem Kreuze auf der Schulter und mit dem Rufe: „Gott will es!" durch die Länder sich wälzte, nach dem heiligen Lande die Waffen und ihre rohen Leidenschaften zu tragen. Diesmal stand kein frommer Mönch, wie Peter, kein erlauchter Fürst, wie Gottfried von Bouillon, an der Spitze, sondern ein heruntergekommener französischer Ritter, Wilhelm der Zimmermann genannt, dessen zügellose Habgier kein Mittel scheute, sich mit Raub und Beute zu beladen. Auch bestand der ganze Zug aus dem verworfensten Gesindel, zusammengerafft aus England, Frankreich und Flandern. Als er in den flandrischen Ebenen lagerte, trat ein Mönch auf, dessen Nayle die Geschichte, glücklicher, als bei dem Brande von Ephesus, nicht verzeichnet hat. In seinen fanatischen Reden stachelte er seine Zuhörer auf, den Kreuzzug schon hier zu beginnen, auch hier wären der Ungläubigen schon viele, hier zahlreiche Feinde Christi, solche, die zwar nicht sein Grab geschändet, aber sein göttliches Blut vergossen hätten. Der Funke war gekommen, der den Brennstoff entzündete. Sich auf die Juden zu stürzen, sie zur Taufe zu zwingen oder zu erschlagen, jedenfalls aber ihr Hab und Gut auszuplündern, dazu bedurfte es bei diesen Menschen keiner großen Ueberredung. Aber in Flandern und Frankreich war man nicht geneigt, ihrer Zerstörungswut!) freien Lauf zu lassen. Fürsten, Ritter und Städte vereinigten sich mit den Bischöfen, sie abzuwehren. Anders, als sie deutschen Boden betraten. In Metz richteten sie ein furchtbares Blutbad unter den Juden an, in Trier zwang der Bischof Egilbert diejenigen, die sich zu ihm geflüchtet, sich taufen zu lassen. Da schon Hunderte von ihnen unter dem Schwerte und der Brandfackel der Räuber gefallen, viele, insonders Frauen, als Märtyrer sich den Tod gegeben, willfahrten die übrigen dem Verlangen des Bischofs. Jetzt wälzte sich der blutdürstige Schwarm zu den Ufern des Rheinstroms hin. Und was für Menschen waren dies? Glaubst du, sie wären dahergezogen, Kreuz und Fahne an der Spitze, gewappnete Ritter als Kern und Befehlshaber in ihrer Mitte? Nein! einem Einsiedler im Ardennenwalde, der im Gerüche frommer Wunderkraft stand, hatten sie eine Ziege und eine Gans gestohlen; von diesen glaubten sie, den richtigen Weg nach Jerusalem geführt zu werden, denn diese Thiere seien durch den Einsiedler vom göttlichen Geiste angehaucht. Die Ziege und die Gans gingen bem Heerhaufen voran, und wohin sie ihre Schritte lenkten, dahin zog er nach.*) Als diese Kreuzfahrer schon dem Rheine nahe kamen, gefiel es den beiden Thieren, nicht mehr neben einander zu wandeln, und wo der Weg sich gabelte, zog die Ziege rechts, die Gans links ihre Straße. Alsbald spaltete sich der Haufe, und nach ihrem Belieben folgten die einen der Geis, die anderen der Gans, die eine größere Hälfte schlug die Straße nach Worms, die andere die nach Speyer ein; an der Spitze jener befand sich der berufene Wilhelm der Zimmermann, die andere Abtheilung entbehrte eines allgemein anerkannten Führers. Furchtbar war aber auch diese Schaar für die Wehrlosen und Unbeschützten. Dies war die Kunde, welche flüchtige Glaubensgenossen nach Speyer gebracht, Furcht und Schrecken unter den Juden verbreitend. Darum drängten sich die Männer der Gemeinde im Saale Rabbi Anselm's und um dessen Lehnstuhl. Nachdem endlich der entsetzliche Gegenstand von den Anwesenden genugsam unter sich besprochen war, reiheten diese sich allmählich schweigend um die große Tafel, vor welcher Anselm saß, der bis dahin sich still verhalten und sein Ohr bald dem einen, bald dem andern, der zu ihm sprechen wollte, geliehen hatte. Als Stille eingetreten, richtete sich der Greis in seinem Stuhle in die Höhe, und fragte: „Ist mein Sohn Meschullam noch nicht hier?" — Da die Frage verneint ward, erhob er sich noch mehr und ließ den Blick seinergroßen dunkeln, unter buschigen Brauen hervorblitzenden Augen über alle Versammelten schweifen, als ob er mit einem Male den Sinn und die Charakterfestigkeit jedes einzelnen ergründen wollte. Dann sagte er: „So werde ich unterdeß an Euch alle, Ihr Männer aus der Gemeinde Speyer, eine Frage richten, die Ihr mir beantworten sollt, als ob Ihr vor Eurem ewigen Richter, vor dem Gotte unserer Väter, dem Heiligen, gelobt sei Er! selbst stündet. Frei und ohne Bedenken sollt Ihr mir antworten, denn die Stunde drängt, und dem Worte wird allzuschnell die That folgen müssen! Daß unsere Todfeinde nahen, ist nicht mehr zweifelhaft: ihr blutgefärbter Pfad ist geradezu hierher gerichtet. In der Hand des einzigen Gottes steht es, ob Er uns retten wolle. Denn wenn Er es will, so vermag Er es noch in dem Augenblicke, wo vas Schwert in unser Herz sich senken will. Vielleicht aber ist es auch sein heiliger Wille, uns zu versuchen, wie unsere Väter versucht wurden in der Wüste. Nun, Ihr Männer von Speyer, was tragt Ihr in Eurem Sinn? Wenn die göttliche Hülfe ausbleibt, wenn menschliche Hülfe fehlt, wenn wir nur noch die Wahl haben werden zwischen unsrem, unsrer Frauen und unsrer Kinder Tod und der Kniebeugung vor dem Gotte der Christen, vor jenem Zeichen, unter welchem unsere Mörder heranziehen: was werdet Ihr thun? Werdet Ihr, wie die Männer von Trier, an Leben und Habe hängen und das Wasser der Taufe auf Eure Häupter empfangen — oder, wie die Männer von Metz, in die Schwerter Euch stürzen und wie deren Frauen die Häuser mit eigenen Händen über Euren Köpfen anzünden? . . . Antwortet mir! Ich setze kein Wort *) Historisch.

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