Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1867)
- Date
- 1867-01-22
- Page
- Seite 77 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allg e ln eine Zeitung des Zu-euthums. Feuillrtou-Seilage;u Ar. 4. Leipzig, den 22. Januar 1867. Verschenkt! — Verkauft! Novelle. iF o rtsetzung.) Seitdem Gregor VII. den päpstlichen Stuhl bestiegen und heftige Bullen gegen die Juden erlassen hatte, seitdem der beredte Mund Peter's von Amiens den Geist aller Völker des Abendlandes entzündet hatte, Heimath und Heerd, Weib und Kinder zu verlassen, im fernen Morgenlande das Grab ihres Erlösers den Händen der Ungläubigen zu entreißen und diese von der Erde zu vertilgen, ja der erste der wilden zusammengerafften Haufen seinen abenteuerlichen Zug begonnen hatte, unterweges Christen, wie Juden ausplündernd und das offene Land verheerend — seitdem hatte sich auch die Gesinnung gegen die jüdischen Bewohner der Länder geändert und ein feindlicher Fanatismus hatte Platz gegriffen, der einen furchtbaren Brennstoff gegen sie aufzuhäufen schien, welchem nur noch der zündende Funke fehlte. Die Bürger von Speyer mußten diesem heimlichen Groll und Haß noch weniger zugänglich gewesen sein, daß sie gegen die Wahl des Juden Meschnllam zum Kämmerer nur einen theilweisen Widerspruch erhoben, und die Rathsherren, welche sich dagegen gestemmt, nach und nach ihren Einspruch aufgaben. Zu dieser günstigen Stimmung trug aber wohl am meisten der Bischof Johannsen bei. Er war der echte Nachfolger Nüdiger's gewesen, der in dessen Geiste die wahre Frömmigkeit seiner Herde, das wirkliche Heil aller Angehörigen seines Sprengels zu fördern suchte. Ein besonderes Band der Achtung, wenn nicht der Freundschaft, knüpfte ihn an den alten Anselm. Johannsen war aus niederem Stande. Sein Vater war ein Freisasse in einem der Stadt nahe gelegenen Dorse. Der nächste ritterliche Besitzer, der Graf Geroldstein, bedrängte ihn auf alle mögliche Weise, u:n ihn zu zwingen, sich in seine Hörigkeit zu begeben. Da war es Anselm von Speyer, damals noch ein junger feuriger Mann, der dem Bauer mit allen Kräften beisprang und ihn durch Geldmittel und Einfluß vor bem traurigen Geschick bewahrte, das über seinem Haupte schwebte. Johannsen vergaß dies nie. Er hatte als Knabe die Drangsale, den Kummer, den Kampf seines Vaters mit durchlebt, hatte wiederholt den Retter in die Hütte des freiheitliebenden Mannes eintreten sehen — und sein edles Herz vergaß jener Momente niemals, auch dann nicht, als Würde, Glanz und Macht in ungewohnter Weise ihm zu Theil geworden. Anselm hatte sich stets gehütet, den wohlthätigen Einfluß des Bischofs für sich in Anspruch zu nehmen. Hatte ihm doch häufig genug die Erfahrung seines bewegten Lebens gelehrt, daß es ein gefährliches Ding ist, die Dankbarkeit eines Menschen zu beanspruchen, noch dazu eines groß gewordenen, dem die Wohlthaten gespendet wurden, als er noch niedrig war. Aber mit gleicher Scheu hatte der Bischof es stets vermieden, Anselm fühlbar zu machen, daß er Gutes für ihn auswirke, um ihm zu vergelten. Und so hatte Johannsen den Geist der Billigkeit auch gegen die Juden unter den Bürgern der Stadt zu erhalten sich bemüht, und jetzt die Gelegenheit wahrgenommen, seinen Einfluß zu Gunsten Meschullam's in die Wage zu legen. Die endliche Wahl hatte eine ungemessene Befriedigung dem greisen Anselm gebracht, und in der ganzen Gemeinde die lebhafteste Freude hervorgerufen. Jeder einzelne glaubte sich berechtigt, den Kopf etwas höher zu tragen, als sei ihm selbst ein großer Theil der Ehre widerfahren; mehr aber noch rechneten sie dabei auf die Sicherheit und Bergunst, welche ihnen vorkommenden Falles durch den neuen Kämmerer gewährt werden könnten. Alles eilte daher nach bem neuen Hause des greisen Vorstehers, um ihn zu beglückwünschen, und als der Bürgermeister und einige Rathsherren selbst in feierlichem Zuge mit allem Pompe in der Judenstadt erschienen, bem Neugewählten die betreffende Urkunde zu überbringen, war es ein allgemeiner Freudentag, welchem Anselm und Meschullam durch reichliche Almosen an die Armen, die christlichen, wie die jüdischen, und durch freie üppig besetzte Tafel den höchsten Glanz verliehen. Jetzt sah es in diesem Hause, wie in der ganzen Judenstadt anders aus. Die Freude, das Gefühl der Sicherheit, das Bewußtsein erlangter Bürgschaften waren entflohen, und Angst, Schrecken, ja Entsetzen hatten ihre Stelle eingenommen. In dem großen, einfach geschmückten Saale des Hauses, in welchem Rabbi Anselm seine Schüler und Freunde zu Lehrvorträgen oder gelehrten Verhandlungen zu versammeln pflegte, hatte sich Alles