Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1867)
- Date
- 1867-01-22
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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69 dezu fürchtet einen Schritt vorwärts zu thun. Es ist Thatsache, daß heute ein liberalerer Geist aus dem Gebiete des Judenthums in mancher kleinen böhmischen oder mährischen Gemeinde vorhanden ist, als in der Residenz, von wo die Reform vor 40 Jahren in Oesterreich ausgegangen ist. — Im Hause und im Privatleben, da hat freilich jeder der Herren seinen eigenen Schulchan Aruch, aber wenn man am grünen Tische sitzt, da ist man sehr fromm. Das Komischeste aber ist, daß man trotzdem den Vorstand der Gemeinde in manchen Regierungskreisen für einen reformatorischen hält. Der Director einer hiesigen Schule forderte sogar den Vorstand auf, daß er den israel. Schülern gestatte am Sabbath zu schreiben. Dieser Schritt zeigt freilich auch, daß der Herr Director das Iudenthnm nicht im Entferntesten kennt, sonst müßte er eö wissen, daß Niemand unter den Jliden die Macht zu lösen oder zu binden besitzt. Wahrlich wenn ein Jude bei einer derartigen Unkenntniß des Christenthums über das Christenthum ähnlichen Nonsens zu Tage fördern würde, ginge der Spectakel von allen Seiten los. Bei uns wundert man sich nicht mehr über derartige Dinge. Es ist wahrhaft schauderhaft, welche Vornrtheile selbst in gebildeten Kreisen, die sogar intimen Umgang mit Juden pflegen, über Juden und Judenthum herrschen und zwar aus Unkenntniß der Verhältnisse. Eben jetzt finden die Ergänznngswahlen zum Vorstande statt. Mitglieder des Vorstandes candidirten für ein Mitglied der sogenannten orthodoxen Partei und zwar psroe que. Wir hätten nichts dagegen gehabt, wenn dieses quoique geschlossen wäre, da der betreffende Herr ein honneter Character ist, aber warum der Vorstand so muthig zurückweicht und seine Position zu Gunsten der Orthodoxen, die thatsächlich keinen Boden in der Gemeinde haben, aufgeben will, ist unbegreiflich. Vor einigen Wochen starb hier Herr Hirsch Kolisch, der Gründer des allgemeinen österr. rsrael. Taubstummeninstitutes. Wer die Wirksamkeit dieses Institutes kennt, weiß, was Herr Kolisch geleistet hat, b? ’-nn '■Hain. Brody, 31. Dezember. Nach der Auflösung der bisherigen österreichischen Landtage ist der Landcsadvotat Dr. Hönigsmann, einer der fähigsten und verdientesten Vertreter der jüdischen Interessen in Galizien, fast einstimmig wieder zum Abgeordneten in den galizischen Landtag gewählt worden. Lemberg, 28. Dezember. iPrivatmitth.) Die heutige Sitzung des galizischen Landtages brachte sehr charakteristische Vorgänge mit sich. In einem Gesetzentwurf über einen galizischen „Unterrichtsrath" hatten die Polen mit Ausschließung aller anderen Nationalitäten sich die Alleinherrschaft gesichert. Nach einem energischen Proteste der ruthenischen Abgeordneten ver° ließen diese den Saal, um sich aller ferneren Theilnahme an den Berathnngen zu entziehen. Kaum hatte die ruthcnische Frage den Platz geräumt, als die Nationalitäts-Frage neuerlich wie Banquo's Geist vor den Blicken der entsetzten Majorität aufstieg. „Des Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben", würden wohl die Herren von der Linken gedacht haben, wenn es im -galizischen Landtage anginge, deutsche Verse auch nur in Gedanken zu recitiren, als nach dem effectvollcn Abgänge der Ruthenen der Abgeordnete Dr. Landcsberger sich erhob, um die Anforderungen der Israeliten Galiziens an den zu begründenden Unterrichtsrath näher zu präcisiren. Nicht als ob dieselben kein Vertrauen in die Zusammensetzung des Unterrichtsrathes setzen würden; im Gegentheile; ungeachtet der traurigen Erfahrungen, welche die Israeliten Galiziens schon so oft an der Vertretung des Landes zu machen Gelegenheit hatten, ist Redner noch immer optimistisch genug, an den Rechtssinn und die Unparteilichkeit der Mitglieder des Unterrichtsrathes zu glauben. Aber vor das Forum dieser Behörde sollen Fragen zur Entscheidung kommen, die, wie das Rabbiner-Seminar, specifisch jüdische Interessen betreffen und genaue Kenntniß der jüdischen Zustände und Verhältnisse erfordern. Diese Aufklärungen sich auf mittelbarem Wege zu verschaffen, sei schwierig und unzweckmäßig; der Artzt müsse die Krankheit ans unmittelbarem Wege kennen lernen, um seine Heilkunst erfolgreich auszuüben. Die Beiziehung eines Fachmannes israelitischen Glaubens sei somit unerläßlich, wenn die projectirte Reform auch diesem Theile der Gesellschaft ersprießliche Dienste leisten solle. Der Antrag des Dr. Landesberger, den Unterrichtsrath durch ein israelitisches, abwechselnd von Lemberg und Krakau zu wählendes Mitglied zu vermehren, versetzte die hierauf nicht vorbereitete Majorität offenbar in nicht geringe Verlegenheit. Den Ruthenen 4