Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1867)
- Date
- 1867-01-15
- Page
- Seite 58 (sequence 18)
- Language
- German
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KM meisten achteten und vor jeglichem Angriffe vertheidigten. Sein Haar war jetzt silbern geworden, und die Kraft seiner Augen begann sich zu schwächen; aber er stand umringt von einer zahlreichen Nachkommenschaft, und vor Allen fand er eine Stütze in seinem hochgewachseuen und hochgesinnten Sohne Meschullam. Wer au diesem Tage die Gassen der Iudenstadt von Speyer durchwandelte, bemerkte einen ungewöhnlichen Berkehr, eine besondere Aufregung in ihnen. Alle Häuser schienen ihre Insassen auf die Straße gesetzt zu haben, und was sich noch darinnen befand, schaute zu den kleinen Fenstern heraus, von den unteren Gemächern bis zu den höchsten Dachstübchen. Viele liefen hin und her, viele bildeten Gruppen, alle sprachen und gestikulirten auf's Lebhafteste; aber Bangigkeit und Angst drückten alle Gesichter, alle Worte und Ausrufe, die man vernahm, ans. Am lebhaftesten ging es vor dem Hause des Rabbi Anselm zu. Hier hatte sich eine zahlreiche Menge zusammengedrängt, durch welche sich kaum Diejenigen Platz machen konnten, welche berufen waren, in dasselbe einzutreten, und die sich durch Haltung und Würde von den Uebrigen auszuzeichnen schienen. An der großen Pforte des Hauses hatten mehrere Männer mit großen schwarzen Stäben, wohl Gemeindeglieder, Platz genommen, um mit Strenge Alle abzuwehreu, welche zum Eintritt nicht berechtigt waren. Solche Vorsicht mußte wahrlich einen besondern Grund haben, denn wem hätte wohl während seines langen Lebens der greise Anselm den freien Zutritt zu sich verweigert oder nur besonderen Förmlichkeiten unterworfen. Judeß dieser Grund war bedeutsam genug. Wenige Tage waren verflossen, seitdem es in diesem Hause ganz anders ausgesehen. Freude, ja Jubel herrschte darin. Nicht ohne harten Kampf war es dem Bürgermeister der Stadt, Arnold, gelungen, die Mehrzahl der Stadträthe zu bewegen, Meschullam, den Sohn Rabbi Anselm's, zum Kämmerer von Speyer zu wählen, und ihm als solchem Sitz und Stimme in allen Geld- und Steuerangelegenheiten der Stadt in deren Rathe zu gewähren. Wohl war eine solche Wahl eines Juden in früheren Zeiten in den Städten des herrlich blühenden Rheingaues nicht gar selten gewesen. Aber die Zeiten hatten sich geändert. (Fortsetzung folgt.) Eine seltene Feier. (Aus Waldheiiws Jllustr. Blättern.) Es war ein seltenes, bedeutungsvolles Fest, das am 15. November v. I. im alten israelitischen Tempel in Wien begangen wurde. Selten, weil die Gedächtnißfeier für die im letzten Kriege gebliebenen israelitischen Soldaten die erste dieser Art war, die in diesem Tempel gefeiert wurde. Aber nicht darin liegt die Bedeutung dieser Feier, daß sie einzig und allein dasteht in der Geschichte des Judenthums, sondern, daß sie ein historischer Akt war, der zum ersten Male öffentlich in den Hallen des Tempels den höchsten Rechtsgrund geltend machte für die Gleichberechtigung der Juden. Der schwerwiegendste Rechtsgrund für die Forderung eines Volkes, gleicher Rechte mit seinen Mitbürgern theilhaft zu werden, besteht wohl darin, daß es für würdig gehalten wird, das Leben seiner Söhne aufzuopfern für den Schutz und die Größe des Vaterlandes. Wird ein Volk in der Pflicht, für Thron und Vaterland das Blut seiner Söhne hinzugeben nicht hintangesetzt, so kann man ihm auch auf die Länge der Zeit nicht jene Rechte verkümmern, deren sich die übrigen Staatsangehörigen erfreuen. Der jüdische Soldat kann daher mit Recht der Pionnier der Freiheit seines Volkes genannt werden. Und darum sprach auch die Seeleufeier für die Blutzeugen des Patriotismus der Juden in Oesterreich deutlicher und kräftiger, als alle die Gründe der Moral und Politik, die in dem langen Kampfe um die Rechtsgleichsteüung der Juden schon geltend gemacht wurden. Hoffen wir, daß auch in Oesterreich der Zeitpunkt nicht mehr ferne, der den Juden mit allen Pflichten auch alle Rechte der übrigen Staatsbürger sichert. Bedürfte diese Forderung noch eines besonderen Nachweises aus der jüngsten Zeit, die letzten Feldzüge im Norden und Süden hätten ihn allein geliefert! Gegen fünfhundert jüdische Soldaten haben den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden, abgerechnet die Zahl jener, die ihren Wunden in den Spitälern erlegen sind. Wenn etwas im Stande ist, von dem Bau der Vorurtheile, die an dem Judenthume haften, und von denen die Bestrebungen unserer Zeit nur mühsam Stein von Stein loslösen, auch jenes zu vernichten, das den Juden im Allgemeinen jene Eigenschaften, in die mau nach herkömmlicher Ansicht die militärische Tüchtigkeit setzte, nur unter großen Beschränkungen zugesteheu will, so vermag dies ein offener Blick auf die mehr als tausendjährige Geschichte des jüdischen Soldaten. Sie ist reich an glänzenden Beispielen von kriegerischer Tugend und Tüchtigkeit der Juden; sie zeigt, daß sie an Zähigkeit und Ausdauer, an persönlicher Bravour und Agilität des Geistes Niemandem nachstehen. Schon der Beginn ihres Lebens als Nation, der Zug durch die Wüste, die beständigen Kämpfe mit feindlichen Völkerschaften, sie geben Zeugniß, wie sie mit Muth und zäher Ausdauer den Boden erkämpften, auf dem sie dann unter beständigen Kriegen ein eigentümliches Staatswesen ausbauen. Eine Reihe glänzender Siege verzeichnet die Geschichte ihrer Eroberungskriege unter Moses, Josua, David, Josafat, Hyrcan und Herodes. Von dem kriegerischen Geiste, der die Nation durchdrang, giebt die Erziehung der Jugend, die Organisation des Heeres, die allgemeine Volksbewaffnung und die Thaten ihrer Helden: Gideons, genannt „das