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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-15 · Heft 3 (15.1.1867) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 3 (15.1.1867)
Date
1867-01-15
Page
Seite 57 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Indenthums. Femlleton-Geilage zu ttt* 3. Leipzig, den 15. Januar 1867. Die Gegenwart. Ein Lichtstrahl wärst Du, Gegenwart, Gekommen und geschwunden? Ein Funke, in den Stein, so hart, Den Stein der Zeit gebunden, Von Schöpfers Stahl herausgeschlagen, Und schnell davon getragen? Die Sonnet leget auf den Fluß Die Säule, silberhelle, Es eilt heran zum Strahlenkuß Beschattet Well' auf Welle, Flammt auf — sinkt hin zum dunkeln Raum — O Gegenwart — zum Traum? Mit Nichten so! — Du, Fleisch und Bein, Du Herzschlag meines Lebens, Des Geistes vollbewußtes Sein, Du Arm all' meines Strebens — Du bist die Säul', auf der ich stehe — Brichst Du zusammen — wehe! Du bist der Schnitter meiner Saat, Die Ernte mir zu ernten, Streust dann den Samen meiner That Für Zeiten, die entfernten — Was ward, hebst Du an's Licht empor, Was wird, bereitst Du vor! Verborgen lebtest Du schon längst In den vergangnen Tagen, Und Deine kräft'gen Ranken drängst Du rasch mit kühnem Wagen In alles Kommende hinein — Einst ist die Frucht dann Dein! Verschenkt! — Verkauft! Novelle. (Fortsetzung.) 2. Seit einigen Jahrzehnden hatte Speyer seine Judenstadt. Der wohlwollende Bischof Rüdiger hatte die Inden der Stadt vermocht, in ein besonderes Viertel zusammenzuziehen, um mehr vor den Unbillen des Pöbels geschützt zu sein. Er hatte diesen Stadttheil mit Mauern umgeben und mit Thoren versehen. Die Bewachung und Vertheidigung überließ er den Juden selbst. Wir sagen, er hatte sie dazu vermocht, denn ein Zwaugsrecht stand ihm über sie nicht zu. Die Privilegien Kaiser Heinrichs IV. schützten sie vor jedem Uebergriff der bischöflichen und städtischen Behörden, und noch war die Zeit nicht gekommen, wo selbst den gut gesinnten Fürsten das Kaiserwort nicht viel mehr als ein leerer Schall war. In einer der engen Gassen dieses Viertels erhob sich ein gar stattliches Haus in breiter Fronte mit Erkern und Balkonen, wie es in dieser Umgebung wohl das einzige war. Sein Aussehen war frisch, und alle Zierrathen prangten an ihm, welche die damalige Zeit den Wohnungen der Reichen und Großen in den Städten verlieh. Es war dies das Haus des Rabbi Anselm, der mit dem Titel des Archisynagogus, das heißt des Obervorstehers der Gemeinde, geschmückt war, mehr aber noch durch das Ansehen ausgezeichnet war, welches er als Gelehrter, wie als ein Mann von großen Reichthümern, aber auch bei Christ, wie bei Jude, bei dem Volke, wie bei den Fürsten besaß. Denn außer einer oft staunenswerthen Freigebigkeit, außer der strengen Gerechtigkeit, die er als Richter und Friedensstifter übte, so daß selbst die Christen der Stadt ihre Streitigkeiten oft seiner Entscheidung unterwarfen, bewährte er auch in den Geschäften eine seltene Klugheit, einen vorzüglichen Takt. Dem Leichtsinn und der Verschwendungssucht gegenüber war er unerbittlich, dem Bedürfniß und der Bedrängniß öffnete er willig und mit Vertrauen seine Truhen, und maß den Nutzen, den er verlangte, nach den Umständen ab. So kam es, was selten der Fall, daß seine Schuldner ihn

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