Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1867)
- Date
- 1867-01-15
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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45 dem Gebiete der religiösen Ueberzeugung und des Gewissens zu rechtfertigen. Nach den abgehörten Zeugnissen bestehen die beiden Methoden in Folgendem: die Juden durchschneiden die Kehle des Thieres, und lassen es zum Tode verbluten; die Christen zerschmettern ihm den Schädel mit einer zugespitzten Keule, bringen darin einen Stock in die durch die Spitze gemachte Oeffnung, um ihm das Gehirn zu bewegen. Um Vorgänge dieser Art zu beurtheilen, muß man zweierlei Betrachtung trennen, welche das Publikum zu vermischen nur zu sehr geneigt ist: die auf die Nerven der Zuschauer hervorgebrachte Wirkung und der Grad des Leidens, der daraus hervorgeht. So viel die Beschreibung dieser Operationen uns gestattet, sie zu verstehen, sind wir völlig geneigt zu sagen, daß die Tödtungsweise der christlichen Fleischer ein viel empörenderes und roheres Schauspiel bietet. Es ist indeß möglich, daß es weniger leiden läßt; aber wie kann man dies wissen? Der Tod, sagt man, ist viel länger bei der jüdischen Verfahrungsweise; aber folgt hieraus nothwendig, daß das Leiden ein größeres sei? Die Personen, welche die Classiker gelesen haben, erinnern sich je- ' ner alten Römer, welche unter der Tyrannei der Kaiser, da sie die Wahl ihrer Todesart hatten, sich die Adern < öffnen ließen, in der Meinung, daß dies die weniger j schmerzhafte Todesart wäre. Die dem Lord-Mayor über ' diesen Punkt gegebenen Gutachten lassen ein sehr weites ] Feld für zwei geradezu entgegengesetzte Hypothesen. Der; Doctor Pavey, Professor der Chirurgie am Hospital von ] Grey, behauptet, daß das Einschneiden der Kehle von i einem Zustande von Synkope gefolgt wird, daß aber nachher ein anderer Bluterguß und heftige Zuckungen j stattsinden, während welcher das Thier seine Sensibilität ' wieder zu erlangen scheint. Der Doctor Lloyd, Ober- S arzt der Royal-Dispensaty, glaubt, daß bei dem christi lichen Verfahren der Tod statt hat, sobald das Gehirni mark berührt wird. — Man behauptet, daß die Zuckungen < der nach jüdischer Weise getödteten Thiere sehr schmerz- < lich seien, und daß die Zuckungen nach christlichem Veri fahren es nicht seien. Es sind dies aber nur einfach < Voraussetzungen. Die gelehrten Doctoren wissen nicht ( aus Erfahrung, welches die wahre Lösung der Frage ist. j Nur die Geister der getödteten Thiere könnten ein sicheres Zeugniß über den Gegenstand geben. < Doch ernstlich, so ist es unmöglich, den Bericht über den gestrigen Proceß zu lesen, ohne zu bemerken, daß die \ Gesellschaft bemüht war, die Leiden der nach christlicher Weise getödteten Thiere zu vermindern und die nach der jüdischen Weise zu übertreiben. Von diesem Gesichtspunkte aus ist nichts gerechter, als die Entscheidung des Lord-Mayors. Dieser glaubte nicht, daß die dem jüdischen Verfahren gemachten Vorwürfe von der Natur wären, um Maßregeln zu rechtfertigen, welche nur ein sehr ärgerlicher Eingriff des Gesetzes in die Gewissensfreiheit einer sehr großen Anzahl unserer Mitbürger sein könnten. Setzen wir einen Augenblick voraus, daß die Gesellschaft Recht habe. Warum greift sie dann gerade die Juden an, welche hierin durch ihre religiösen Ueberzeugungen gebunden sind, wahrend sie zuläßt, daß gleiches Verfahren auch unter den Christen existirt? Diese tödten die Schafe und die Schweine in derselben Weise, wie die Juden die Ochsen. Hat die Gesellschaft nur Sympathien für das Ochsengeschlecht? Wir wissen, daß fast überall man die Gewohnheit hat, den Schweinen die Kehle zu stechen und sie dann um die Schlachtbank herumgehen zu lassen, bis sie vor Erschöpfung niederfallen. Der Doctor Lloyd hat noch gesagt, daß die jüdische Methode die Arterien der Wirbelsäule unberührt lasse und daß hieraus ein Bluterguß in den Kopf stattfinde. Mit einem Worte, eine Apoplexie. Dasselbe begegnet den Gehenkten. Warum bewahren denn die humanen Mitglieder der Gesellschaft ihre Sympathien allein für die Thiere? Warum bestehen sie nicht darauf, anstatt die Verbrecher zu hängen, solle man die Menschlichkeit haben, ihnen den Schädel mit einer Keule zu zerschlagen und dann das Gehirn mit einem Stocke zu bewegen? In Summa, die Verfolgungen, deren Gegenstand die jüdischen Fleischer so eben gewesen sind, fanden unter Umständen statt, welche keinen andern Boden haben, als Muthmaßungen und Voraussetzungen. Hingegen haben sie allzusehr den Anschein, nichts anderes als ein Versuch zu sein, unsere jüdischen Mitbürger dem Hasse der Masse auszusetzen. Zur Zeit Chaucer's hetzte man die Menge gegen die Juden auf, indem man sie anklagte, Kinder zu tödten; es ist ein trauriges Zeichen der Abnahme unserer Einbildungskraft, daß wir zu gleichem Zwecke nichts Schrecklicheres zu ersinnen vermögen, als daß sie sich grausam gegen die Ochsen zeigen. Wir erhalten über den Gegenstand noch folgende Correspondenz: St. Gallen, im Jan. Die jüngste Kunde aus dem Aargau, daß nämlich die dortigen Behörden in der