Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-15 · Heft 3 (15.1.1867) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 3 (15.1.1867)
Date
1867-01-15
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226585--24571-3260034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

u In dem letzteren muß man nothwendig von Geschlecht zu Geschlecht ausgewachsen sein, und überall zeigt sich bei aller städtischen Bevölkerung eine äußerst geringe Lust und Fähigkeit, Bauern zu werden. Es gibt daher noch heute nur wenig Landstriche, wo besondere Verhältnisse die Juden zum Ackerbau führten, und da bewähren sie sich nicht schlecht. Dagegen fühlten die Juden selbst die Nothwendigkeit, einen Theil ihrer Glaubensgenossen dem Handwerk zuzuführen. Es entstanden daher an vielen Orten Vereine, welche durch Geldunterstützung und Vermittlung von Lehrmeistern jüdische Knaben zu Handwerken auszubilden den Zweck hatten. Es war dies gerade um die Zeit, in welcher wir diese Zeitung gründeten, eine besondere Tendenz, die mit vieler Energie verfolgt ward. Ihre Wirkung war an den meisten Orten eine günstige, so sehr, daß die Thätigkeit vieler dieser Vereine überflüssig ward. An anderen Orten, wo sie erst neuerdings entstehen konnten, wie z. B. in Wien, wirken sie äußerst segensreich, wie auch in Frankreich die gewerblichen Schulen z. B. in Straßburg, Mühlhausen u. a. O. Mit dem großen Aufschwung, welchen die Industrie in den letzten Jahrzehenden genommen, gingen auch die Juden schnell in das Fabrikwesen über, und in allen Ländern giebt es die achtbarsten Etablissements in allen Fabrikzweigen, welche von Juden gegründet sind. —' Hier aber giebt es zwei Punkte, deren wir noch erwähnen müssen. Mit demselben Aufschwünge war nothwendig die Spekulation verbunden, da er ohne diese nicht möglich war, er sie aber wiederum stärken und erhöhen mußte. Die Spekulation führte aber auch bald den Schwindel mit sich, indem sie nicht blos über die eignen Kräfte weit hinausging, sondern auch da Träger und Werkzeuge fand, wo gar keine Kräfte vorhanden waren; wo Mittel und reeller Zweck fehlten. In Ländern, wie Nordamerika und England, wo ein wirklicher Welthandel vorhanden, und wo nicht einmal die großen Geldkräfte in Händen von Juden sind, fiel auch nur ein geringer Theil der schwindelartigen Spekulation auf die Juden. Anders aber auf dem Kontinente. Hier, wo die Spekulation erst angeregt, zum Theil künstlich gemacht werden mußte, und die großen Geldkräfte weniger aufgehäuft sind, ging allerdings ein verhältnißmäßig großer Theil dieser Entartung der Spekulation von Juden aus. Hierzu kam der zweite Punkt. Die zahllosen Industrie-Unternehmungen und noch mehr die aus den wachsenden Militairetats hervorgehende außerordentliche Vermehrung der Staatsanleihen brachten eine kolossale Masse von Werthpapieren in die Welt, welche in beständigem Umlauf zu erhalten waren und dabei den immerwährenden Schwankungen des Kredits unterlagen. So erstand ein unermeßlicher Effektenhandel, der Erhebung und Sturz in fabelhafter Schnelligkeit mit sich bringt, aber auch riesige Geldkräfte im Besitze Einzelner aufhäuft. Dieser Effektenhandel liegt zu einem namhaften Theile in den Händen von Juden. Mag man nun über diese beiden Erscheinungen in der kommerziellen Welt vom allgemeinen wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus urtheilen, wie man wolle — ihre Ursachen liegen in der Entwickelung selbst und mau wird bei unparteiischer Prüfung ebenso ihre großen befruchtenden Vortheile, wie ihre schädlichen ausdörrenden Wirkungen erkennen müssen. — Beides gereicht den Juden zu großem Nachtheile. Die Gerechtigkeit wird zwar auch hier eine Solidarität zurückweisen, aber diese Gerechtigkeit ist eben nur selten anzutreffen. Daß eine große Zahl der hohen Finanziers und darum viele Inhaber unverhältnißmäßiger Reichthümer den Juden angehören, erweckt Neid und Mißgunst und verursacht eine durchaus falsche Vorstellung von dem Besitzstände der Juden im Ganzen. Wo Neid und Mißgunst sich mit alten, halberloschenen Vorurtheilen und Antipathien verbinden, giebt es ein böses Gemisch. Und doch haben gerade diese reichen Finanziers den Juden für diese Benachtheiligung nicht die geringste Entschädigung geboten. Sehen wir von der Ausnahmsstellung des Hauses Rothschild ab, deren sämmtliche Glieder dem Judenthume treu geblieben, einige von seinen Zweigen in Paris und London ein warmes Interesse für ihre Glaubensgenossenschaft bethätigen — so stehen mit sehr geringer Ausnahme alle diese großen Finanziers dem Judenthume gänzlich fern, ihre Kinder oder Enkel verlassen das Judenthum, sie haben kein Herz, höchstens einmal ein armseliges Almosen für das Interesse ihrer Glaubensgenossen, noch weniger für das Interesse der Religion. So haben die Juden nur das Nachtheilige dieser Erscheinung zu tragen, ohne dafür irgendwie entschädigt zu werden. — Was nun den geselligen Verkehr betrifft, so ergiebt es sich von selbst, daß hierin der Fortschritt nur ein allmählicher sein kann, daß er faktischer Beobachtung während weniger Jahrzehnde entgeht. In allem, waS mehr den allgemeinen, gewissermaßen öffentlichen Theil des geselligen Lebens ausmacht, ist er allerdings wahrnehmbar. Nur an wenigen zurückgebliebenen Orten wird es sich noch finden, daß von den geselligen Vereinen 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.