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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-08 · Heft 2 (8.1.1867) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 2 (8.1.1867)
Date
1867-01-08
Page
Seite 38 (sequence 18)
Language
German
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38 barn herausgeholt. Das hat wohl empfunden, was es heißt, dem Grafen von Geroldstein Trotz zu bieten. Es war ein lustiger Tag, da ich diese Lumpen züchtigte, die auf ihre Freibriefe pochten und mir nicht dienstbar sein wollten . .. Aber, Jude, du mußt lange nicht hier gewesen sein, daß du noch von Wasendorf schwatzest?" Ein Schauer des Schreckens war über den armen Mann bei diesen Worten des Ritters gekommen; tiefer verbeugte er sich, indem er antwortete: „Es sind wohl über dreißig Jahre, gnädiger Herr Graf." „Ja, so lange mag es her sein. Aber das thut nichts. Jude, du bist mir verfallen mit Leib und Gut und Leben..." „Gnade, Herr Graf. Aber wir sind Kammerknechte des durchlauchtigsten Kaisers und Herrn; wir stehen unter seinem Schutze und dürfen darum frei durch das ganze römische Reich ziehen. Also Gnade, Herr Graf, und lasset uns arme Wanderer von dannen ziehen!" „Das werde ich nicht. Wäret Ihr auf der Landstraße geblieben, so hättet Ihr kaiserlichen Schutz anrufen können. Aber Ihr habt den Bann gebrochen, den ich für meine Herrschaft über Euch Juden verhängt habe, seid in meinen Wald gedrungen, habt Euch dort gelagert, meine Gebüsche geplündert und Jagdfrevel im Sinne .gehabt. Ihr seid mir verfallen. Und wißt Ihr was, ruft den kaiserlichen Schutz an; der Kaiser steht jetzt um Rom; schreiet, vielleicht hört er Euch, vielleicht kehrt er um eines Betteljuden willen aus Italien zurück und rächt seine Kammerknechte an dem Grafen Geroldstein! Ruprecht, durchsuche doch einmal die Bündel dieser Juden. Hinter ihren Lumpen bergen sich ihre Schätze. Ist die Beute gut, lasse ich Euch vielleicht laufen." Einer der Reisigen trat vor, und machte sich an die auf dem Boden liegenden Bündelchen. Die Kinder weinten und schluchzten, obgleich sie sich nicht mehr zu schreien getrauten, die Frau rang die Hände, der Mann sah bleich und traurig dem Gebühren des Knechtes zu. Dieser riß die Bündel auf, schüttete den Inhalt auf die Erde und warf ihn mit seinem Lanzenschaft auseinander. Aber es kam nichts zum Borschein als ein paar bessere Kleidungsstücke und etwas Wäsche, aber auch diese ohne einigen Werth. Der Graf sah zornig dem zu, und schrie zuletzt mit grimmiger Geberde: „Was, solche Lumpen seid Ihr? Nicht einmal ein Stückchen Sammet oder Seide? keine Waare? kein Gold? ... Ha, Ihr sollt es büßen! ... Doch sieh', was hast du Mann da in der Hand? was ist das für ein Kästchen? gieb es her!. . ." „Herr," erhob muthig der Jude seine Stimme, „rühret das Kästchen nicht an; was darin ist, hat keinen Werth für Euch, aber es kann Euch schaden. Ich sage Euch," fuhr er mit fester Stimme fort, „wer da anrührt, was in diesem Kästchen ruht, der wird vor' Gottes Richterstuhl gefordert am dritten, siebenten oder dreizehnten Tage. Nehmt Euch in Acht, Herr Graf, es ruht eine höhere Macht hierdrinnen, als Eure Schwerter zu bestehen und Euere Schilde abzuwehren vermögen!". Der Graf schien betroffen. Aber nach kurzem Be-- sinnen rief er aus: „Und Ihr glaubt, ich werde mich von Eueren schlauen Mährchen bethören lassen? Ruprecht, nimm ihm das Kästchen ab." Der Knecht gehorchte, wenn auch, wie es schien, mit Widerstreben. Er trat auf den Juden los, dieser aber hatte sich, im Vertrauen auf die Wunderkraft des ihm von seinen Vätern vererbten Kleinods, in Vertheidigungsstand gesetzt, das Kästchen vorgestreckt und beschrieb mit demselben wunderliche Kreise. Der Reisige getraute sich nicht recht heran und blickte seinen Herrn wie fragend an, ob er seine Lanze gebrauchen und seinen Gegner niederstoßen solle? Unterdeß hatte sich aber ein anderer Bewaffneter hinter den Bäumen herumgeschlichen, trat unbemerkt im Rücken des Juden auf diesen zu und schlug seine Arme um ihn. Mit Riesenkraft drückte er den Juden zusammen, so daß Ruprecht ihm mit leichter Mühe das Kästchen entreißen konnte. Er reichte es dem Grafen, dieser besichtigte es von allen Seiten, konnte aber nicht erkennen, wie es zu öffnen sei. „Jude, willst du es öffnen?" sprach er endlich. „Das werde ich ninuner thun." „Gut. Heinrich, gieb dein Jagdmesser her, wir wollen es öffnen." Ein Jagdmesser blitzte in seiner Hand, er setzte es an eine der Ecken des Kästchens und wollte es hineindrücken, um es zu zersprengen. „Halt ein," rief der Jude, „ich will es öffnen!" Mit Thränen in den Augen griff er hinter sein Gewand und holte eine Schnur heraus, an welcher ein goldenes Schlüsselchen von sonderbarer Gestalt hing. Dann drückte er an einer Stelle, wodurch ein kleiner Schieber zurücksprang, setzte dann den Schlüssel hinein, und plötzlich sprang ein oberer Deckel in die Höhe. Es hatten sickalle Anwesenden, selbst das Weib und die Kinder, um den Grafen hermngedrängt, um den Inhalt des geheimnißvollen Kästchens zu erschauen. Aus schwarzem Sammet leuchtete eine schneeweiße Pergamentrolle hervor. Der Graf machte abermals eine Geberde der Enttäuschung. Wahrscheinlich hatte er gehofft, das Kästchen mit Edelsteinen gefüllt zu finden, oder doch irgend ein kostbares Kleinod darin verwahrt. Beinahe hätte er das Kästchen sammt der Rolle zornig zu Boden geschleudert, aber er faßte sich, griff nach dem Pergamente, holte es heraus und entrollte es. Die Sonne warf noch immer glühende Strahlen vom Himmel hernieder, die sich durch die Baumkronen Bahn brachen und auf die Lichtung und auf die daselbst versammelten Menschen fielen. Sie trafen auch auf das entfaltete Pergament. Welcher Glanz! welche stille, geheimnisvolle Pracht zeigte sich, ein Enzücken dem kundigen Auge, aber auch dem unkundigen mit unwiderstehlichem Reize! Die innere Fläche der Rolle war von einer Schrift in hebräischen Charakteren eingenommen. Aber diese Charaktere von schönster Form waren von den zierlichsten Arabesken, von wundersam verschlungenen Figuren in außerordentlicher Fülle durchwoben und um-

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