Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1867)
- Date
- 1867-01-08
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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24 rungen von 1848 die wesentlichsten Umgestaltungen mit sich brachten, bezeugend, daß diese längst vorbereitet und nur gewaltsam zurückgehalten worden. Die Judeusteuer verschwand, die Freizügigkeit trat ein, die Thore der Judenstädte brachen mit Ausnahme einiger galizischen Städte zusammen, die gewerbliche Freiheit, so weit sie schon überhaupt existirte, wurde gewährt, das passive und aktive Wahlrecht zugestanden, der Staatsdienst eröffnet. Man weiß, wie seitdem die staatsrechtlichen gesetzgeberischen Berhältnisse im Kaiserstaate einem beständigen Schwanken unterlagen. Viele von den obigen Zugeständnissen waren mehr faktisch vor sich gegangen als gesetzlich formulirt. Ihre Ausführung hängt daher vielfach von der jeweiligen Staatsregierung ab; wenn daher namentlich der Staatsdienst den Juden meist wieder verschlossen ward, wenn in Ungarn der Landtag noch immer nicht zum Ausspruche der Gleichberechtigung gekommen, so daß z. B. die dortigen Juden das Wahlrecht noch nicht besitzen, wenn in Galizien die Städte wieder mannigfache Beschränkungen für ihre jüdischen Mitglieder anstreben, so blieben doch die Hauptzüge jener 1848 erlangten Rechte in Kraft, und es ist auch hier ein Fortschritt eingetreten, der den Freund des Rechtes und der Humanität wahrhaft zu beglücken vermag. Aus den außereuropäischen Ländern haben wir von dem Gesichtspunkte aus, den wir hier innehalten, Nichts hervorzuheben. Weder im Westen noch im Osten sind Fortschritte gemacht worden, im Westen nicht, weil dort keine zu machen waren, im Osten nicht, weil dort keine gemacht werden. Daß in Nordamerika einzelne Juden hohe Staatsstellen eingenommen und im Bürgerkriege eine Rolle gespielt, in Jamaica wie in Australien Juden in die Parlamente gewählt wurden, in der Capkolonie ein Jude eine hohe Richterstelle bekleidet, sind nur Consequenzen, die in die Spezialgeschichte gehören. Aus dem Oriente hätten wir nur zu bemerken, daß der Einfluß der europäischen Staaten daselbst in beständigem Wachsen begriffen ist und daß hieraus für unsere Glaubensgenossen mehrfache Wohlthaten ersprießen. Auch in der asiatischen Türkei gewannen sie dadurch mehr Sicherung vor Gewaltthätigkeiten; in Aegypten erhielten sie jüngst, als der Vicekönig eine Art Verfassung ins Leben rief, in gleicher Weise wie die Christen das aktive und passive Wahlrecht. In Persien dagegen unterliegen sie furchtbaren Unterdrückungen, vor denen sie die europäische Diplomatie nur wenig zu schützen vermag. Diese Skizze genüge, um den interessanten Verlauf in den äußeren Verhältnissen ins Bewußtsein zu rufen; hieran knüpfen sich aber noch weitere Fragen, die wir nicht unbeantwortet lassen mögen. (Schluß folgt.) Polemisches. I. Die ultramontane Presse. Nicht an der Seine und an der Donau allein haben wir die ultramontane Presse in ihrer ganzen Naturwüchsigkeit zu suchen. Auch im Herzen Deutschlands treibt sie ihr wildes Spiel. Worin besteht aber ihre Natur? Sie will zwar die Religion vertheidigen — aber sie leiht von dieser nicht einmal eine Maske; sie zeigt offen ihr Gesicht, und dies ist das Gesicht eines Landsknechtes, der statt Waffen Schimpf- und Fluchworte führt. Ja, Schimpfen, Schmähen, Verketzern, Verfluchen, dies ist ihre ganze Natur — von Bildung, Gewissen, Wahrhaftigkeit Vernunftgründen, Gelehrsamkeit, Wifsenschaft, frommem Sinn und Verhalten keine Spur, keine Ahnung. Um ein kleines Bild zu geben, ziehen wir hier zum Theil einen Leitartikel des „Fränkischen Kuriers" (dir. 356 vom 24. Dezemb.) aus, indem wir bemerken, daß es wohl unsere Schrift über die Kreuzigung ist, welche den Zorn dieser Leute so sehr entzündet hat. Der Art. ist überschrieben: „die ultramontane Presse in Franken." „Die jüngsten Verhandlungen des Schwurgerichts von Unterfranken über die im letzten Sommer stattgefundenen Judenverfolgungen,*) bei denen hauptsächlich Eingeborne der unterfränkischen Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung betheiligt waren, haben den Beweis geliefert, daß acht christliche Humanität, die sich in liebevoller Duldung Andersgläubiger kund gibt, bei uns nicht allein nicht fortschreitet, sondern bei einem großen Theile des Volkes immer seltener zu werden beginnt. Wundern können wir uns nicht darüber, denn die Intoleranz wird systematisch gepflegt von Seiten, die auf das Volk den meisten Einfluß üben: von der Kanzel, *) Wir würden gern sehen, wenn uns von einem unserer Corresp. über diese Verhandlungen Näheres berichtet würde. Redakt. d. A. Z. d. Jud.