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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-08 · Heft 2 (8.1.1867) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 2 (8.1.1867)
Date
1867-01-08
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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22 tron mit Einem Male. Wenn so große tiefliegende Hindernisse zu überwinden sind, daß ihre Beseitigung nur Schritt vor Schritt möglich wird, so zeigt sich die vorwärts treibende Kraft um so entschiedener. Ohne daher in eine Schilderung der in den letzten drei Jahrzehenden hinsichtlich der Verhältnisse der Juden geschehenen Veränderungen in allen deutschen Staaten eingehen zu wollen, brauchen wir nur einen Blick auf die beiden größten, auf Preußen und Oesterreich zu werfen, um eine richtige Vorstellung zu erhalten. Trotz des Ediktes vom 11. März 1812, das in seinem ersten Paragraphen die Juden für „Einländer und preußische Staatsbürger" erklärt hatte, bestanden 1837 in Preußen noch 22 verschiedene Gesetzgebungen für die Juden zu Rechte; sie waren in die einzelnen Provinzen gebannt, so daß sie nicht einmal von einer in die andere verziehen, ja in mehreren Landestheilen gar nicht wohnen durften, mehrere Gewerbe waren ihnen versagt, viele Carrieren, namentlich alle öffentlichen, verschlossen. Als eine grelle Ausnahme mußte die Bekleidung unbesoldeter städtischer Aemter, welche ihnen die Städteordnung von 1808 gewährt hatte, beachtet werden. Aehnlich verhielt es sich damals in allen deutschen Staaten, selbst da, wo etwas freisinnigere Edikte über sie erlassen worden, waren diese noch voll der bedrückendsten Ausnahmegesetze. In Bayern z. B. waren sie noch der Matrikel unterworfen, nämlich, daß ihre Familienstellen an eine gewisse, nicht zu überschreitende Zahl gebunden waren. In Sachsen durften sie nur in Dresden wohnen, und nicht einmal daselbst ein offenes Gewölbe halten. Es war nur ein kurzer Athemzug während der Freiheitskriege, der ihnen günstig war. Derselbe war schnell erloschen, und nicht blos die eigentliche Reaktion, sondern auch der deutschthümelnde Geist von 1820, wie er in den sg. Freisinnigen herrschte, hatte sich ganz spezifisch gegen sie gewandt, allerdings, soweit wir dies zu durchschauen vermögen, mit den äußerlichen Motiven, den schwächsten Theil der bürgerlichen Gesellschaft zuerst anzugreifen, um Unruhen und Unordnung hervorzubringen. Er wurde dafür bestraft, denn nur um so leichter vermochte die staatliche Gewalt ihre Versuche zu unterdrücken. Dies hatte sich jedoch mit dem Jahre 1830 geändert. Denn so wenig sich Deutschland faktisch der Julirevolution angeschlossen hatte, so drangen doch mit ihr in Deutschland die liberalen Ideen durch, wurden zur eigentlichen öffentlichen Meinung, und haben, trotz alles Widerspruches und gegentheiliger Beeiferung, diese Oberherrschaft nicht wieder verloren. Seit dieser Zeit begann daher auch von Seiten der deutschen Juden der Kampf, um ihre bürgerliche Gleichstellung in Deutschland, und die erste offene Aussprache desselben knüpft sich an den Namen Rie ßer. Seit dem Auftreten dieses Kämpen mit großem Erfolge waren einige Jahre verstrichen, und so trat diese Zeitung in den Kampf ein, und wurde seitdem zum eigentlichen Mittelpunkte desselben, wenigstens in dem diesseitigen Lager. Kehren wir hiernach zu Preußen zurück, so ist es bekannt, daß in den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelm's III. nur Vorbereitungen zu dem stattfanden, was nach dessen Tode sich entwickeln sollte. Wir hatten während jener nur einzelne, kleinliche Närgeleien zu besiegen, wie das Verbot der Consirmation, das Verbot „christlicher Vornamen" u. s. w., was um so leichter war, da diese Verbote den in ihnen liegenden Widerspruch selbst zu sehr an der Stirne trugen; ebenso Theorien, wie die Streckfuß'sche über Classificirung der Juden nach ihrer Bildung und dergleichen Ausgeburten beschränkter Geister, die mit kleinen Mitteln den großen Strom der Zeit zu bezwingen glauben. Mit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms IV. (1840) eröffnete sich sofort der Blick auf einen großen Kampfplatz. Mit gewaltiger Energie hob sich der Geist des Liberalismus auf allen Gebieten des menschlichen Lebens in die Höhe und verlangte nach Durchbruch und Betätigung. Gerade dadurch aber rief er die Reaktion zu stärkerem Widerstande auf. Beide stießen auf einander, die Gewässer stauten sich auf, es kam daher zu einem gewaltsamen Ausbruch, in welchem der momentane Sieg eine um so größere Niederlage nach sich zog, weil es eben keiner Idee, und der wahrhaftigsten am wenigsten, gegeben ist, sich auf gewaltthätigem Wege die wahre Herrschaft zu erringen. Diese Niederlage des Liberalismus bedeutete aber selbstverständlich kein Unterliegen; vielmehr entspann sich nun erst der eigentliche und rechte Kampf auf dem Wege der Entwickelung, d. i. des allmäligen, aber unwiderstehlichen Fortschrittes. — In dem Geiste Friedrich Wilhelms IV. lebten beide Richtungen neben einander. Sein Geist war stark genug, um die Nothwendigkeit der liberalen Ideen zu begreifen, sein Gemüth und seine Phantasie gehörten den Tendenzen der alten Zeit an, und so ist sein Charakter nur ein Spiegelbild seiner Zeit, wenn wir diese aus der Vogelperspektive in ihrer Totalität überschauen. Alles Dies zeigt sich denn auch in dem Gange, welchen die jüdischen Verhältnisse nahmen. Der König beabsichtigte durchaus nicht, die

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