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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-01-01 · Heft 1 (1.1.1867) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 1 (1.1.1867)
Date
1867-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 „Habe Vertrauen, theure Hanna, habe Vertrauen! Ich verzeihe deinem geängstigten Mutterherzen die Kleingläubigkeit. Aber haben wir die Hennath leichtsinnig verlassen? Erinnere dich. Der Graf von der Mark ftürmte mit seinen Reisigen auf unser Städtchen los, das sich seiner Botmäßigkeit nicht hatte unterwerfen wollen. Die Bürger waren geschlagen, ermattet, die Mauern verfallen, die Zugbrücke gesprengt. Ich lag in meiner Kammer auf den Knieen und flehete Gott um Rettung an, ich rief das Sechus Owaus (Verdienst der Väter) zur Hülfe auf. Da kam ein Schlaf über mich, und vor mir stand im Traume meine Mutter, und sprach zu mir: du rufst Seclnis Owaus an, und hast in dreißig Jahren das Grab deines Vaters nicht besucht . . auf, nimm dein Weib und deine Kinder, und rette dich so schnell wie du kannst aus der Stadt, denn in einer halben Stunde seid ihr Alle Kinder des Todes — die Feinde brechen gerade an der Mauer vor eurem Hause herein, und ihr seid die Ersten, die ihr Schwert trifft. Nimm das heilige Kästchen, das Erbtheil deines Geschlechts, und ziehe nach dem Grabe deines Vaters — dort wirf dich hin und bete, und du wirst erhört werden und großes Glück erfahren. Voll Entsetzens sprang ich auf, rief Ench zusammen, wir ergriffen, was wir in der Eile ergreifen konnten, ich das geheiligte Kästchen, unser Schutz und Schirm, und retteten uns durch ein Hinterpförtchen, und flohen in den Wald — von dort aus sahen wir gerade an der Stelle, die mir meine Mutter gezeigt, die Feinde in die Stadt dringen, und Tod und Verderben verbreiten — sag, Hanna, konnte ich anders? Mußte ich nicht, nachdem der Traum sich so wunderbar bewährt hatte, dem Geheiße meiner Mutter folgen, und Alles daran setzen, zu dem heiligen Fleck dieser Erde zu gelangen, wo mein Vater seine Ruhestätte gefunden?... Siehe, wir haben drei heilige Burgen für unsre und unsrer Kinder Zukunft, den Traum meiner Mutter, das Grab meines Vaters und das Kästchen, das Kleinod meiner Familie!" Die Frau schwieg eine Weile, dann sagte sie, wie zögernd: „Du hast mich den Inhalt dieses Kästchens nie schauen lassen." „Hab ich jemals ein Geheimniß vor dir gehabt? Wie ich dich in mein Herz blicken ließ, als ich um dich warb, so hast du immer darin gewohnt, und es ist um meine Liebe zu dir heute noch wie ehedem. Aber in dieses Kästchen, so ist die Ueberlieferung unserer Familie, soll das Auge eines Weibes nicht schauen und seinen Inhalt eines Weibes Hand nicht betasten. Wir Männer selbst dürfen nur an Einem Tage ihn beschauen, am Tage unserer Bar Mizwo, dann nicht wieder. .." „Und ist es denn so etwas Besonderes, Prächtiges? Ist es ein Kleinod von hohem Werthe oder dergleichen?"... „Frage mich nicht, liebes Weib. Und wenn es ein solches wäre, wir dürften es doch nicht veräußern und verwenden. Es muß in unserer Familie bleiben, wenn sie nicht dem Untergange anheimfallen will. Sollte es kommen, daß mich der Tod hinwegrafft, bevor mein Aeltester, mein Mordechai, erwachsen und vollständig geworden, so mußt du die Hüterin dieses Heiligthumes sein, bis du es seinen Händen anvertrauen kannst. Siehe, ich bin ein unwissender Mann, ich habe in meiner Jugend keine Zeit gehabt, Etwas zu lernen, und verstehe daher den Inhalt selbst nicht. Meine Väter stammen aus einem Lande weit, weit von hier, über große Ströme, über Ebenen und hohe, schneebedeckte Gebirge gelangt man dahin, Hispanien wird es genannt. Ein König, man sagte mir, eines rauhen, grausamen Volkes, Gothen genannt, streckte seine Zuchtruthe über unser armes, gedrücktes Volk und vor seinem Grimme entfloh mein Urgroßvater, der von großem Ansehen und fürstlichem Vermögen gewesen sein soll. Er rettete aus der Heimath nichts als dieses Kästchen. Gejagt von Land zu Land, siedelten sie sich endlich in diesem Lande, mein Vater in dem Dorfe am Rande des Waldes an, sie brachten nichts weiter mit, als dieses Kästchen. Ist es nicht wunderbar genug, daß sie sich niemals von ihm trennten, daß es ihnen niemals verloren ging? . . . Wohlan, theure Hanna, so laß uns milchig und gefaßt der nahen Zukunft entgegen gehen, hoffen wir auf das Heil, das uns aufgehen wird!" Er streckte seine Hand seinem Weibe entgegen, und dieses legte mit einem warmen, zärtlichen Blick die ihre in die seinige. Der Zauber des Geheimnisses, von dein sich die Seele des Weibes so gern umfangen läßt, hatte sich um die ihre gelegt,-ihre sorgenvolle Stirn glättete sich, ihr Blick leuchtete zuversichtlich, um ihren blassen Mund legte sich ein freundliches Lächeln. Da erscholl von ferne her das Kläffen und Heulen von Jagdrüden, und gleich darauf der Angstruf der beiden Knaben, daß die Eltern voll Entsetzens aufsprangen, und das schlafende Kind ans dem Schoße der Mutter in die Höhe fuhr. Der Mann griff nach seinem Kästchen und streckte es wie eine Waffe vor sich hin; bald knitterte es im Unterholze, und die beiden Knaben stürzten aus demselben hervor, bleich, schreiend, zerrissen von den Dornen. Sie sprangen auf ihre Eltern zu und flüchteten sich hinter sie/ „Die Hunde, die bösen Hunde!" riefen sie. (Fortsetzung folgt.) Correspondenz. Prag, 15. Dezember. Der Prozeß betreffs der Judenverfolgungen in Hostomitz. Wir haben bereits in d. Bl. den Prozeß und die Bestrafung der Excedentcn gegen die Juden zu Schiittenhofen mit'getheilt. Am I I. Dez. begann zu Prag der

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