Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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Bald hatte er sich gefaßt und fuhr fort: „Ja, wir wollen eure Stunde rasten; das Ziel unserer Pilgerschaft ist nicht mehr fern, Gott, der Heilige, sei gelobt, daß wir glücklich bis hierher gelangten. Wir wollen ein wenig in den Wald hineingehen, um von etwaigen Vorüberziehenden nicht bemerkt zu werden. Komm, Hanna, kommt, Kinder!" Sie wandten sich seitwärts in den Wald, drangen durch Gestrüpp und Unterholz einige hundert Schritte weiter, und, auf einem kleinen, freien Platze angekommen, gab der Vater einen Wink, und sie Alle warfen ihre Bündel auf den Boden und lagerten sich im Grase. Sorgfältig legte der Mann das schöne längliche Kästchen auf die Erde, und setzte sich dicht daneben, wie wenn er es eben niemals aus dem Bereiche seiner Augen und Anne lassen wollte. Nach einigen Augenblicken sagte er: „Hört, Mordechai und Jakob, ihr müßt etwas in den Wald hinein und Beeren samlneln, die wir zu dem Haferbrod verzehren können, das die Mutter noch im Sacke hat. Ein wenig hinauf müssen diese reichlich stehen; doch entfernt euch ja nicht weit, und wenn irgend ein wildes Gethier naht, denn auch davon giebt es genug hierum, so laßt ihr Alles stehen und liegen und eilt hierher, oder ruft mich zur Hülfe. Bei mir seid ihr sicher." Und sein Blick wandte sich auf das Kästchen. Die beiden Knaben sprangen eilig auf, schüttelten gleichsam ihre Ermüdung von sich ab und versenkten sich in den Wald nach der Richtung, welche ihnen der Vater angedeutet. Nur das kleine Mädchen blieb zurück, rückte sich an die Seite der Mutter und legte sein Köpfchen in deren Schoß. Der Schlummer mochte wohl bald seine leichten Schleier über das zarte Kind gebreitet haben. Die Mutter öffnete einen Sack, holte ein großes Stück trocknen Haferbrodes und ein Messer heraus, aber weder sie noch der Mann nahmen davon, sie warteten der Rückkehr ihrer Kinder. „Du sagst, lieber Mann, wir seien nun bald an: Ziele, sprach die Frau. Ist es wirklich so?" „Allerdings, erwiederte der Angeredete. Ich glaube nicht, daß mein Gedächtniß mich täuscht. Es hat sich auf den letzteren Strecken unseres Weges überall bewahrt. Was der Jugend und noch dazu unter besonderen Unständen sich einprägt, pflegt unverwischbar zu sein, dlod) eine Stunde hinab, müssen wir auf eine Felsenecke stoßen, Felsen verändern sich in Menscheugedenken nicht. Von da ab senkt sich der Wald steil nieder, und folgen wir den: Laufe des schäumenden Baches, so gelangen wir nach einer weiteren Stunde an den Rand des Waldes. Von da ab verändert sich die ganze Landschaft. Sie wird zu einer lachenden, fruchtbaren Ebene, mit Dörfern und festen Städten besetzt, der Bach schlängelt sich langsam hindurch, und in der Ferne, wo er in den breiten Strom des Rheines mündet, ragen die Thürme von Speyer in die Höhe, von den Strahlen der Sonne vergoldet. Doch so weit pilgern wir nicht. Schon am Rande des Waldes, links vom Wege, liegt ein großes Dorf — freilich, wenn es noch steht, das heißt, wenn es wieder aufgebaut ist; denn'als mein Blick zum letzten Male darauf fiel, stand es in hellen Flammen, feindliche Krieger waren hineingefallen, mordeten, plünderten und zündeten, und die wehklagenden Bewohner rannten nach allen Seiten davon, so weit sie den bluttriefenden Schwertern der nachsetzeuden Reiter zu entrinnen vermochten. Dreißig Jahre sind vergangen, ich habe Vieles erlebt, was diesem Anblick an Schrecken nicht nachkam: er hat sich aber meiner Seele eingebohrt wie kein anderer... Doch mag das Dorf aus seinen Trümmern wieder erstanden sein oder nicht, wir wandern am Saume des Waldes weiter, und treffen nach einer kleinen Weile hinter einem Hügel auf eine enge Schlucht, und in dieser auf einen kleinen Raum, der mit Grabsteinen besetzt ist. Hier ruhen die Gebeine meines Vaters, und da ist — unser Ziel." Die Frau hatte aufmerksam zugehört, sie schwieg einige Augenblicke, daun aber richtete sie ihr Angesicht nach dem ihres Mannes, der mit gesenktem Haupte da saß. Ihr Blick war forschend und scharf, indem sie sprach: „Und was sollen wir da, Menachem?" „Das weiß ich selbst noch nicht. Ich habe dir schon früher erzählt, wie meine Mutter und ich, ein funfzenjahriger Knabe, dem Gemetzel in uuserm heimathlichen Dorfe in den Wald entkamen. Wir hatten Nichts als das nackte Leben gerettet. Es war das dritte Mal, daß der wilde Graf von Geroldstein unser Dorf so heimgesucht, was sollten wir da noch? Wir flohen und wunderten von Ort zu Ort, bis wir in das Münsterland kamen, wo mich ein mitleidiger Sohn unseres Volkes in seine Dienste nahm, und für meine pflichttreue Arbeit meine Mutter bis zu ihrem Tode ernährte. Später ging ich in die Welt hinaus, um irgend ein Glück zu suchen. Aber ich fand es nicht, kehrte wieder zu unserm Städtchen nn Munsterlande zurück, drückte meinen: Woblthäter die Augen zu und trat seine kleine Hinterlassenschaft an. Ich heirathete dich, und was wir mit einander erlebten, du weißt es; wir haben es zusannnen getragen in Liebe und Einigkeit, und uns durchgeholfen bis hierher. Was weiter werden soll, liegt in der Hand Gottes." „Die Hand Gottes .. . erwiderte das Weib, die ist groß und mächtig, und vermag uns zu retten. Aber der Rathschluß ist oft uuerforschlich, und darum müssen wir Menschen thun nach unserm Verstände und unsrer besten Kraft. Aber sage, Menachem, was liegt darin für ein Verstand, daß wir mit unseren drei Kindern die furchtbare Wanderschaft — denn ein Wunder ist es, daß wir bis hierher durchgekommen — vom Münsterlaude herauf angetreteu und bestanden haben, um zu einem verbrannten Dorfe und einem Gottesacker in einer verborgenen Schlucht zu gelangen? Was soll aus uns werden? Ist doch dieses Stück Haferbrod das letzte für unsre armen müden Kinder und für uns . .. Ehre vor dem Grabe deines Vaters, aber wird es sich öffnen und uns Nahrung und Kleidung und geheime Schätze geben?..."