Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 53 (27.12.1864)
- Date
- 1864-12-27
- Page
- Seite 827 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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827 „Sie zu dem Ehrentage, den Sie heute am 28. No- „vember 1864 feiern, dem Tage der Erinnerung, an „welchem Sie vor 25 Jahren Ihre Laufbahn als Leh- „rer begonnen haben." „Lehrer", zumal „Lehrer der göttlichen Lehre", der Titel schließt die höchsten Ehren und Würden im Judenthume in sich. Sie aber, hochgeehrter Herr Professor! haben durch die geistige Begabung, Eifer und Fleiß auch äußere Ehren und Würden in einem Maße und in einer Weise erworben, daß Sie zum Kennzeichen und Maßstabe des Fortschrittes der Humanität, das ist der Moral und des Rechtes, das Menschenrecht und Gleichberechtigung bedeutet, geworden sind. Lon dem Lehren der Moral sind Sie ausgegangen, um in ruhmvoller Weise — der erste Jude, der in Oesterreich als ordentlicher Professor an einer juristischen Facultät, zumal der ältesten Universität Deutschlands docirt — die Lehren des Rechtes vorzutragen und zu verbreiten. Ein Jude lehrt die Wissenschaft des Rechtes an einer österreichischen Hochschule! Die einzige Thatsache schließt ein Stück Culturgeschichte in sich. Und weil Sie es sind, an den sich dieses Stück Weltgeschichte knüpft, weil Sie es sind, der durch opferwilligsten Fleiß und unermüdlichsten Eifer diesen Fortschritt gefördert und errungen haben, so fühlt sich vor allem die gefertigte Vertretung der israelitischen Cultusgemeinde Prags, innerhalb welcher Sie von der Schule an Ihre Laufbahn begonnen haben und zu einem an Ehren so reichen Ziele gelangt sind, angenehm verpsiichtet, Ihnen — der Sie heute vor 25 Jahren in Ihr Lehramt als Lehrer der Religion und Moral an der josephstädter, damals israelit. Hauptschule eingetreten sind und nun als Professor des Strafrechtes an der hiesigen Hochschule wirken — die aufrichtigsten Glückwünsche zu Ihrem Jubeltage entgegenzubringen. Möge der Allmächtige Sie noch lange, lange in voller Manneskraft erhalten, Ihnen bis ins hohe Alter hinein die Frische und Regsamkeit des Geistes, der Sie sich heute erfreuen, bewahren, auf daß Sie noch viele Jahre erfolgreich Mitwirken an der Bildung unserer Jugend, zum Segen des Vaterlandes, zur Ehre unserer Religionsgenossenschaft! Möge er Ihnen ferner den verdienten Lohn verleihen in dem Erfolge Ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit, in der andauernden Anerkennung Ihrer Zeitgenossen. Prag, am 28. November 1864. Die Vertretung der prager israel. Cultusgemeinde. Ernst Wehli, Vorsitzender. Frankreich. Paris, 14. December. (Privatmitth.) Gestern Abend fand im Stadthaus eine Versammlung von Israeliten unter Vorsitz des Herrn Gustav v. Rothschild statt; auch Pereire hatte sich eingefunden. Es handelte sich um den Bau von zwei neuen Tempeln, deren Kosten auf 4 Millionen veranschlagt sind. Zwei Millionen trägt die Stadt, die übrigen 2 Millionen wurden sofort durch Subscription (Obligationen) gedeckt. Amerika. Philadelphia, im November. (Privatmitth.) Am 23. und 24. September wurde der neuerbaute Tempel der Kneseth-Israel-Gemeinde dahier — unstreitig das schönste jüdische Gotteshaus in Amerika — seiner hohen Bestimmung geweiht. Außer Di-. Einhorn's Weihepredigt wurden auch noch von Herrn Dr. Adler und Dr. Mayer aus New-Aork wie von Herrn Dr. Deutsch aus Baltimore Festpredigten gehalten, welche glücklicherweise verschiedene Themata besprachen und daher die Aufmerksamkeit der Zuhörer mit ihrem gediegenen Inhalte von Anfang bis zu Ende fesselten. Der in Amerika herrschenden Sitte, bei solchen Festlichkeiten den Anwesenden eine Karte zur Zeichnung von Geldspenden für das einzuweihende Gotteshaus darzureichen, wurde bei dieser Gelegenheit kein Raum gegeben und die Gemeinde hat damit ihrem noblen Sinne von neuem ein glänzendes Zeugniß ausgestellt; sie hat durch Unterlassung eines solchen Geldgeschäftes im Gotteshause ein volles Bewußtsein der imposanten Stellung kundgegeben, die sie nunmehr auch vermöge ihrer sehr bedeutenden Gliederzahl einnimmt. Daß man von gewissen Seiten herüber diese reformatorischen Triumphe den Aerger nur schlecht verhehlen kann und zuweilen sogar lospoltert, ist um so natürlicher, als die sogenannte Orthodoxie von Tag zu Tag machtloser wird und immer mehr in sich selbst zerfällt. In Deutschland hat letztere wenigstens noch einige Vertreter, die sich in das System hineinlebten und dasselbe mit größerem oder geringerem Geistesaufwande zu vertheidigen suchen; hier dagegen fehlt es ihren Repräsentanten sowohl an Theorie wie an Praxis und beschränkt sich ihre Polemik blos auf die Phrase von der Unantastbarkeit des Herkommens, in welche alles geschoben SS