Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-12-27 · Heft 53 (27.12.1864) · p. Seite 821

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 53 (27.12.1864)
Date
1864-12-27
Page
Seite 821 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226472--22689-3259976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

821 dessen Sonne von keinem dunkeln Gewölk verdeckt und verhüllt werden wird. Lassen wir uns daher niemals beirren. Wir und unsere Söhne und unsere Enkel sind noch zum Kampfe berufen, und erlangen wir selbst mit dem Aufgebot all unserer Kräfte nur wenig, haben wir mühsam jeden Schritt auf dem Terrain der Wahrheit und des Rechtes zu erstreiten — was schadet es? Lohnt es sich ja dennoch schon an uns selbst, und wer feststeht im Sturme, der erlebt auch dessen Ende und die große Befriedigung, die Ruhe und den Bestand verdient zu haben. Wir wissen es, wie auch Wind, Gewölk und Flut diesen und den folgenden und noch manchen andern Tag düster, unfreundlich, ja leidensvoll machen: die Sonne schwindet nicht von unserm Himmel, der Segen hört nicht auf, das Leben steht nicht still — Gott siegt ewig!- Und in dieser Ueberzeugung wollen auch wir unseren bescheidenen Theil an Arbeit und Kampf in diesen Blättern weiter übernehmen und fortführen, so lange uns die göttliche Vorsehung Kraft und Einsicht dazu verleiht. Das Geräusch und die Verwirrung des Tages sollen uns und euch, theure Leser, nicht stören, nicht aufhalten, nicht ermüden; wir wissen, sie gehen vorüber und nur das bleibt zurück, was als ein Ton der Wahrheit in ihnen vorhanden und durch sie hindurch klang. Diesem lauschen wir, diesen fangen wir mit dem Ohre des Geistes auf, wiederholen ihn freudig mit begeisterter Zunge, daß er stärker und stärker anschwelle und in die Herzen der Menschen dringe! Auch im kommenden Jahre werden wir pflichtgetreu dieser Zeitung die aufmerksamste Pflege widmen. Vorbereitet ist bereits eine Reihe von Artikeln über „den Geist und die Lehren des Judenthums, wie sie sich in den verschiedeuen Zeitaltern aus den Gebeten ergeben", ein Gegenstand, der viele interessante Ergebnisse bietet, bis jetzt aber von keinem Geschichtsschreiber hinlänglich gewürdigt worden. Ebenso werden wir zunächst einige Betrachtungen über die jüngsten Bewegungen im Judenthume geben. Zerstreute Bemerkungen. Wir hatten in diesen Tagen Gelegenheit, einer guten Aufführung des Judas Makkabaus, des Oratoriums von Händel, beizuwohnen. Es war uns eine würdige Einleitung zum bevorstehenden Chanukkah-Feste. Große Thaten werfen ihr Licht auf alle Zeiten des Menschengeschlechtes. Aber es kommt doch auf den sittlichen Gehalt dieser Thaten an, ob ihre Wirksamkeit eine dauernde werde oder nur eine vorübergehende. Alexander des Großen Siegeszug war für das Menschengeschlecht bedeutend; er war der erste Schritt zur Verbindung des Abend- und Morgenlandes und breitete die griechische Cultur über Länder und Völker aus, die bereits im Absterben begriffen waren und hierdurch auf Jahrhunderte zu neuem Leben geweckt wurden. Aber es lag in ihm kein sittlicher Werth. Der Impuls war die persönliche Herrschsucht, die Befriedigung eines rohen Muthes und Thatendranges. Mit dem Abschluß des Zeitalters war die Bedeutung nur noch eine geschichtliche. Wie anders der unsterbliche Makkabäerkampf. Sein Motiv war das erhabenste und sittlichste, das in der Brust der Menschen leben kann. Er galt der Freiheit der Nation und des Geistes, der Rettung der Religion und des Heiligthums. Die reinste, edelste Begeisterung führte die Waffen. Der Schwache, Unterdrückte, Kriegsunkundige erhob sich im Namen der Wahrheit und der Freiheit gegen den mächtigsten Herrscher, gegen zahllose und siegreiche Heere und überwand sie. Hunderte schlugen Myriaden in die Flucht und erbeuteten die Kettten, die diese für sie mit sich gebracht; die Sklavenhändler, die herbeigeeilt, wurden zu Sklaven. Dieser Makkabäerkampf wurde nicht blos für das kleine Juda sondern für die ganze Menschheit gekämpft. Denken wir uns ihn hinweg, so wäre die Religion des einzigen Gottes unter dem Fuße des Syrers erdrückt worden, und weder das Christenthum noch der Islam hätten ihren Ursprung aus der Gotteslehre nehmen können. Darum mußte wohl dieser Kampf vor sich gehen und auch ohne Makkabäus wäre er eingetreten. Aber wir haben uns an die Thatsachen zu halten und so ist dieses große Ereigniß des ewigen Ruhmes, aber auch einer ewigen Wirksamkeit gewiß. Wo Religion und Freiheit gegen Gewalt und Tyrannei, wo Geistesfreiheit und Wahrheit gegen Zwang und Wahn zu vertheidigen sind, wo der Schwache todesmuthig sich gegen den Uebermächtigen erhebt, da erscheint Judas Makkabäus mit seiner Schar als Vorbild, Erwecker, kräftigend und die Gewißheit des Sieges verheißend. — Und das Oratorium Handels ist eines solchen Gegenstandes würdig. Es hat nichts von den langathmigen Kirchenstil, von dem pietistischen Hauche, an welchem so viele andere Oratorien 53*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.