Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 53 (27.12.1864)
- Date
- 1864-12-27
- Page
- Seite 820 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226472--22688-3259975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
820 fang unseres Horizontes, und doch dies in unfruchtbarer Hast, denn er gestaltet den eilenden Wolken nicht, ihren Segen auf die Erde zu schütten, er dörrt vielmehr den Erdboden noch mehr aus und entzieht ihm die Feuchtigkeit, die für die lebenden Wesen so unentbehrlich. Dann aber wieder schlägt er über unsere Häupter ein Gezelt von grauen Wolken auf, hält seinen Athem an und läßt nun unendlichen Regen herniederträufeln Tage und Nächte hindurch. Ob der Schnee, der auf den Schultern der Berge ruht, schmelze und furchtbare Fluthen durch die übertretenden Ströme und Flüsse über die Länder ergieße oder liegen bleibe auf den ewigen Firnen und die gebannten Wogen der Gletscher immer mehr ausbreite und bis in die Thäler hinabsteigen lasse, es hängt allein von dem Föhn ab, der aus den Wüsten der Sahara über Meer und Land, über Alpen und Ebenen seinen heißen Flug nimmt oder nicht. — In dem Augenblicke, wo ich dieses niederschreibe, blitzt soeben der scharfe Goldstrahl der Sonne durch eine Oefsnung des Gewölks und wirft seinen Glanz über den südlichen Himmel bis auf den Schreibtisch. Aber es ist keine Hoffnung daran zu knüpfen, denn der Südwind, der seit Monden über unser Land fährt und nur dann und wann nach Westen überspringt, um einige Regenstunden zuzulassen, jagt die blaugrauen Wolken wieder in die Höhe und der Strahl und der Glanz und die ganze leuchtende Sonne sind verschwunden. Wie aber? Fehlen darum der Erde das Licht und die Wärme, das Leben und der Segen? Bleiben diese darum nicht dennoch in ihrem ununterbrochenen Flusse und die Wesen kommen und gehen, das Leben pulsirt, blüht und reist in ihnen und das ganze große Werk der Erdschöpfung geht seinen sicheren und unermüdlichen Gang? Ja, die Sonne ist ewig da, der Himmel ewig blau und der Mond und die Sterne leuchten und funkeln in ihren Bahnen ohne Unterlaß, ohne Unterbrechung. Nur hier drunten, eine kurze Höhe auf der Erde hinan findet das Wechselspiel der Luftbewegung statt mit dem ganzen Gefolge seiner wandelnden Wirkungen, die zuletzt dennoch in den großen Strom des Lebens und des Segens auch ihrerseits münden. Was wir hiermit unseren Lesern vor das Bewußtsein führen wollten? Es ist bald gesagt. Es gibt uns ein lebhaftes Bild dessen ab, was auch in der Menschheit vorgeht. Die Sonne der Wahrheit, wie sie in der Religion aufgegangen, wie sie seitdem ununterbrochen am Himmel der Menschheit steht und Licht und Wärme über alle Erdenkinder ausgießt, die Erkenntniß und die Liebe, sie ist im eigentlichen Sinne nicht die Beherrscherin des Tages. Vielmehr sind es die Strömungen der Leidenschaft, die wechselnde Bewegung der Begierden, welche einmal in der Brust des Menschen wohnen und wühlen und die nicht blos das Leben jedes Einzelnen sondern auch der Völker und ihrer Führer mit mannigfaltig wechselnder Kraft und Richtung nach verschiedenartigen Zielen treiben, bald leise sich fühlbar machen, ja sogar eine kurze Zeit schlummern, dann wieder zum gewaltigen Sturm aufregen, zu vernichtendem Kampfe führen, bis sie nach langem Leben sich auf kurze Zeit beruhigen, diese sind es, welche die Zustande und Verhältnisse für die Menschen bestimmen und gestalten. Die Sonne des Friedens leuchtet wohl dann und wann am klaren Himmel und verklärt das Dasein der Nationen und der Individuen. Aber nicht auf lange. Und so im Großen, so im Kleinen; so auf den Höhen des Lebens und in den Niederungen, so. im Heiligthume und außerhalb desselben. Denn wie? Ist es in den Hallen der Religion selbst anders? Stürmt oder schleicht sich nicht alle niedrige Leidenschaft auch in sie hinein? Stellen sich nicht Heuchelei und Herrschgier auch an den Altären auf, bekleiden diese mit Wahn und Aberglauben und verdüstern das Licht, das in diesen heiligen Räumen in ungetrübter Reinheit herrschen sollte? Da bringt der Tag immer etwas Neues, was den Streit und den Kampf erneuert; was heute erkannt und festgestellt worden, wird morgen wieder bestritten und in Frage gestellt, was heute hell und sonnig, wird morgen wieder verdüstert und in graue Nebel gehüllt, die Wahrheit verleugnet, das Recht umgestoßen, die Liebe verspottet. Wie aber, hören darum die ewigen Wahrheiten jemals auf als solche zu bestehen, zu wirken und durch die Kraft ihres Lichtes und ihrer Wärme das Leben zu erhalten und mitten durch alle Wandelbarkeit des Tages den großen Weg der Entwickelung zu führen und Schritt vor Schritt zu sicheren Zielen zu geleiten? Wer dies noch in unseren Tagen zu leugnen unternähme, dessen Blick wäre selbst von den Schalten der Leidenschaft umnachtet. Ja, diese ist die Beherrscherin des Tages, nur aber um den Kampf zu erregen, nicht aber den Sieg zu erlangen. Dieser steht ewig bei der Wahrheit und dem Recht, und mitten durch das Wechselspiel der finsteren Tagesgeister schreitet der Genius der Menschheit, schreiten die Völker, schreitet jeder Einzelne, in dessen Geist und Herz der Strahl der wahren Sonne der Religion und Sittlichkeit gefallen, näher zu dem großen Frühling,