Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1864)
- Date
- 1864-12-20
- Page
- Seite 815 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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815 sowohl in der Richtung, welche meine orientalischen Studien einschlagen sollten nach dem Rathe des verstorbenen Sylvestre de Sacy, Et. Quatremäre, Eng. Burnouf und A. Desgranges, welche in dem Zeiträume von zwei Jahren nacheinander durch die Herren Reinaud, den verstorbenen Jouanin und Joubert ersetzt wurden; als auch in der Thätigkeit, welche ich in den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde entwickeln wollte, welche zu jener Zeit weit davon entfernt war von dem, was sie seither geworden ist, durch die Zahl der Bevölkerung, welche sich von sechs- bis zu dreißiglausend erhoben hat, als auch durch die politische und sociale Stellung unserer Glaubensgenossen und durch die Institutionen, welche in Betreff des Cultus, des Unterrichts und der Wohlthätigkeit bestanden. Von Wien kommend, das für die Verherrlichung des Gottesdienstes eine Art Muster für alle anderen Gemeinden geworden war, wurde ich höchst peinlich berührt, als ich in die Synagoge trat, welche, freilich in einer andern Form, sich auf demselben Platze befand wie heute, Rue Nolre Dame de Nazareth. Weder Ordnung noch regelmäßiger Gesang noch Prediger. Der verstorbene Großrabbiner Marchand Ennery, einer der ehrenwerthesten Männer, aber sehr kränklich, las zwei- oder dreimal des Jahres zu hohen Festen von einem Stück Papier sehr hübsch geschriebene und sehr hübsch gedachte Worte ab, die niemand hörte. Herr Deutz, Großrabbiner des Central-Conststoriums, ein Mann, welcher mit einem großen talmudischen Wissen eine feine Intelligenz und das Streben verband, alles das zu lesen, was Männer wie Rappoport, Zunz und andere zu produciren begannen, hatte einen großen Theil der Gemeinde von sich entfernt durch Familienunglücksfälle, welche er hatte weder verhindern noch ihnen zuvorkommen können. Dieser gelehrte Greis stand sowohl zu Hause wie auch in der Synagoge ganz isolirt da; ich besuchte ihn von Zeit zu Zeit, denn ich konnte mich deutsch mit ihm unterhalten, da er in Koblenz geboren war; denn das war in der ersten Zeit meines Aufenthalts die größte Schwierigkeit. Da ich mich der Gemeinde und überhaupt meinen Glaubensgenossen nützlich machen wollte, bot ich mich im August 1836 dem Consistorium von Paris an, Predigten im Tempel und den Religionsunterricht an der Knabenschule zu übernehmen, welche schon damals unter der Direction des ehrenwerthen Herrn Treves, im jetzigen Comit6saale, Rue du Vertboi8 18 bestand, und ebenso an der Schule für junge Mädchen, die damals unter der eifrigen Direction der Madame Meyermax, Rue de la Croise, sich befand; aber ich mußte hinzufügen, daß ich öfters genöthigt sein würde, mich der deutschen Sprache zu bedienen, da ich der französischen Sprache noch nicht ganz mächtig wäre. Es war selbstverständlich, daß meine Dienste gratis geleistet werden sollten. Das Consistorium bedauerte, mein Anerbieten nicht annehmen zu können, einem früheren Consistorialerlaß zufolge, nach welchem im Tempel nur französisch gepredigt werden durfte. Eine Zeitschrift, 1a R6g6n6ration betitelt, wurde damals unter der Leitung des jetzigen Redacteurs des „Univers isra&ite“, in deutscher und französischer Sprache herausgegeben. Ich versuchte eine kleine Arbeit gegen die Lettres Zarphatigues, welche um jene Zeit einen gewissen Lärm machten; der Autor, ein gelehrter Mathematiker, der verstorbene Herr Terquem, wollte auf diese Weise eine Veränderung in der intellectuellen und literarischen Stellung unserer Glaubensgenossen hervorbringen. Aber weder der Lebenswandel, den er führte, noch seine Art und Weise zu schreiben und die Gebräuche und Sitten lächerlich zu machen, waren dazu geeignet, ihm Anhänger zuzuführen. Später lernte ich diesen würdigen und unglücklichen Greis kennen, der im Grunde ein vortrefflicher Mensch war und bei ziemlich soliden Kenntnissen, welche er in der Zeit Mendelssohns erworben hatte, eine gründliche Kenntniß der exacten Wissenschaften besaß, durch welche es ihm gelungen war, sich, nachdem er in Mainz zur Zeit des ersten Kaiserreichs Professor gewesen war, einen gewissen Ruf als Jnspector im Depot der Artillerie unter den Officieren dieser Waffe zu verschaffen. Aber die Bekanntschaft mit Munk verschaffte mir einen ernsteren und dauernderen Nutzen. Fast 30 Jahre sind seitdem verflossen und du weißt, mein theurer Sohn, nichts war im Stande, diese süße Freundschaft zu unterbrechen oder zu verändern, welche, auf gegenseitige Zuneigung basirend, danach gestrebt hat, den wirklichen Fortschritten, sei es im Innern der Gemeinde, sei es in der Wissenschaft des Judenthums im allgemeinen, nützlich zu sein. Aber ehe ich weiter gehe, will ich in diesen Blättern, mein lieber Sohn, die hauptsächlichen Documente über die Wiederherstellung einer jüdischen Gemeinde in Paris zusammenstellen." — Von hier ab gibt Herr Albert Cohn eine ausführliche Zusammenstellung von Daten, welche auf die Geschichte der pariser Gemeinde ungefähr bis 1811 Bezug haben, die aber wesentlich nur die pariser Israeliten interessiren können, so daß wir hier nur das Wichtigere und Unbekanntere hervorheben. Bis zur zweiten Hälfte 52**