Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1864)
- Date
- 1864-12-20
- Page
- Seite 806 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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806 Er findet in Saladin das poetische Ideal von dem wahren Charakter, welchen die Geschichte jenem Manne beilegt. Der Erfolg des Nathans auf der Bühne hat fich bis heute bewährt. Es ist eine Schöpfung aus der Zukunft der Menschheit, aus einer Welt, in welcher die Gegensätze ewig schon gelöst, die Kämpfe ewig schon gewonnen sind. Herr Beyschlag aber, der christliche Theologe, deckt als den unverzeihlichsten Fehler Lessing's auf, daß er „die wahrhafte Humanität, die vollendete Gottes- und Menschenliebe sich trennen laste von dem Gottesbaum des Christenthums, der vom Himmel herab gepflanzt ist, um solche Frucht auf Erden zu tragen;" ja, daß Lessing meint, sie laste sich auch auf anderm Boden und an andern Gewächsen gewinnen, daß sei sein tiefgreifender Jrrthum. Freilich ein Jrrthum, den Lesfing seiner selbst unbewußt und wider seine eigene Ueberzeugung begangen habe, da er in der „Erziehung des Menschengeschlechts" eine ganz andere Ansicht kundgegeben habe. Dr. Seemann führt nun größere Stellen aus der Beyschlag'schen Schrift an, welche zur Verherrlichung des Christenthums über dieses und im Gegensatz über das Judenthum oder vielmehr das Alte Testament so viel Falsches und Absprechendes enthalten, daß es dem vr. S., der hierbei sich als völlig unparteiisch hinstellt, sehr leicht ward, durch die einfache Anführung einer Menge Bibelstellen und Citate aus dem N. T. das gerade Gegentheil zu erweisen von dem, was der Professor der Theologie behauptet. Es ist hier wieder das alte Lied von der wahren Menschenliebe, der Feindesliebe, der Gnade u. dgl. die Rede, was hundertmal widerlegt worden und zum hunderteinten Male doch wiederholt wird. Am naivsten ist es, wenn der Herr Professor sagt, daß wo das Christenthum zur „Proselytenmacherei, List und Gewalt" abfällt, „da fällt es von sich selbst ab und sinkt herunter auf den jüdischen und mohammedanischen Standpunkt." Nnn, wir möchten die Geschichte dieser Abfälligkeit nicht schreiben — wohl aber möchten wir den Herrn Professor der Theologie fragen, wo und wann das Judenthum „zur Proselytenmacherei, List und Gewalt herabgesunken" ist? Er wird uns die Antwort schuldig bleiben müssen, wahrscheinlich aber in der nächsten Stunde seine Behauptungen doch wiederholen. Jedenfalls hat Herr Beyschlag bewiesen, daß er den Nathan ganz ohne Nutzen gelesen hat. — Wir sagten, diese Bielschreiberei über den Nathan sei ein Zeichen der Zeit; sie beweist nämlich, daß in der Gegenwart die Verhältnisse zwischen den einzelnen Confessionen wieder einmal dahin gekommen sind, Lessing's Nathan zu einem unschätzbaren und unentbehrlichen Wegweiser zu machen, zu einem Herolde, dessen Mahnungen nicht genug beherzigt werden können. Lassen wir »ns daher das einfache Verständniß des Nathan durch alle diese Discusflonen nicht verwirren. Lessing sagt einfach: Keine Religionspartei kann beweisen und entscheiden, daß ihre Religion die einzig wahre und rechte sei, alle aber müssen in Frieden und Liebe leben, sonst beweisen sie eben, daß ihre Religion die unechte sei. Weiter wollte er nichts sagen und dies ist bedeutend und wirksam genug. Ostindien ist außer von Mohammedanern und Hindu noch besonders von den Tamulen» Stämmen bewohnt, namentlich auf der Koromandel - Küste. Diese haben in alter Zeit sehr bedeutende Dichter gehabt, die zum Theil der Brahminenlehre sehr abgeneigt waren. Unter diesen zeichnet sich einer aus, der den Namen Sivavakkijer „Verkündiger von Gottes Wort" angenommen hat. Wir führen von ihm folgende Verse an: „Millionen, Millionen, Millionen Menschen wohl Sind verkümmert, sind verkümmert, sind verkümmert — geistes-hohl: Laufend, laufend, laufend, laufend nach dem doch so nahen Licht, Suchend, suchend, suchend, suchend — und doch ewig findend nicht. O ihr Narren, die ihr laufet, sprechend: es ist fern, fern, fern! Ueber Stadt und Land und Wüste schweift ihr nach dem , höchsten Herrn, Dessen Gegenwart die Erde und den Himmel ganz durchdringt? Thoren, in dem eignen Busen ihn zu schauen — darnach ringt." Wer gedenket hierbei nicht des erhabenen Wortes der h. Schrift 5 Mos. 30, 11—14? Wir lesen in der „Köln. Zeitg." vom 8. December: ,,Die N. Pr. Z., die in der letzten Zeit gegen auswärtige Blätter und berliner Cvrrespondeuten derselben Maßregeln verlangt und in Aussicht gestellt hatte, schreibt heute einen Leitartikel gegen die Vvlkszeitung. Sie