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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-12-13 · Heft 51 (13.12.1864) · p. Seite 792

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 51 (13.12.1864)
Date
1864-12-13
Page
Seite 792 (sequence 4)
Language
German
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792 Beziehung aus einem Extreme in das andere verfallen, aus ihrer irreligiösen, ja atheistischen Gesinnung in Mhfiicismns übergehen und daher die Religion nur in den veraltetsten Formen, in Hyper« und Aberglauben auffassen und gellen lassen wollen. Aber dies ist nur der Weg Einzelner und ein verderblicher; es ist ein Weg, der eigentlich dem jüdischen Geiste fremd ist und nur aus dem Beispiel anderer Religionsparteien hervorgehl. Lasten wir uns von solchen nicht beirren. Wollen wir aufrichtig dem Bedürfniß unserer Glaubensgenossen, wie es in ihnen in Leben und Wissenschaft erwacht, entgegenkommen, es stärken, anziehen und befriedigen, so muß es unser Streben sein, auch die concrete Erscheinung des Judenthums mit seinem inneren Geiste und seiner Lehre in Uebereinstimmung zu bringen. Denn nicht das Veraltete und Abgestorbene vermag neues Leben zu wecken und auf die Zukunft zu wirken, sondern nur immer mehr abzuschrecken, unbefriedigt zu lassen und die Regungen des Bedürfnisses zu erdrücken. Wer die sich immer wiederholenden Vorgänge der Wirklichkeit genauer zu beobachten versteht, dem werden die Belege hierfür namentlich bei der jährlichen Wiederkehr der höchsten Festzeiten nicht entgehen. Ja, das Bedürfniß ist da, kommt immer wieder zum Vorschein, aber es muß auch für die rechte Art gesorgt werden, wie ihm zu begegnen sei. Es ist stark genug, um den Bestand der Religion zu sichern, wenn diese stark genug ist, den Geist der Entwickelung in sich lebendig zu erhalten und nach innen und außen auszuprägen. Streuen wir daher unermüdlich die Saat der Religion in die kindlichen und jugendlichen Herzen, sprechen wir begeisternde Worte zu der versammelten Menge, schaffen wir ohne Unterlaß durch tüchtige Schriftwerke Licht und Wärme bis in die fernste und kleinste Kammer des Volkes, richten wir durch segensreiche Institute den Leidenden aller Art Zufluchtsstätten auf, machen wir unsere Synagogen zu Räumen aufrichtiger Anbetung, echter Weihe und Andacht und stellen in unserem eigenen Wandel ein wahres religiös-sittliches Leben dar: so wird auch die Zukunft der Religion eine reiche Entfaltung, eine erhabene Fülle, eine immer weitere und innerlichere Wirksamkeit besitzen! Der Talmudstreit in Wien. Nachdem das Gutachten der jüdischen Religionslehrer in Wien an das k. k. Landesgericht dahin abgegeben worden, daß der Talmud nicht als ein kanonisches Buch der Juden anzusehen ist, erschien ihm dies noch nicht genügend, um die Anklage gegen die „Wiener Kirchenzeitung" zu begründen, sondern es hat nunmehr auch von der wiener theologischen Facultät ein Gutachten abgefordert, ob die von der „Wiener Kirchenzeitung" angeführten Stellen aus dem Talmud wirklich in demselben enthalten sind. Wir kennen die Mitglieder der hochwürdigen theologischen Facultät zu Wien auch nicht einmal dem Namen nach, wissen daher auch nicht, in welchen Specialfächern sie excelliren. Wir sprechen daher durchaus kein Mißtrauen gegen die gedachte Facultät in eoncreto aus. Aber wir kennen allerdings mehrere theologische Facultäten in Norddeutschland und können da nur sagen, daß in einigen derselben auch kein einziger Mann vorhanden ist, der den Talmud zu verstehen vermag und etwas anderes von ihm wüßte, als was er aus den lateinischen und deutschen Uebersetzungen der geringen Theile des Talmuds,,von denen solche existiren, erfahren könnte. Ohne also, wie gesagt, dieS auch von der wiener theologischen Facultät behaupten zu wollen, so können wir doch im allgemeinen uns einer solchen Befürchtung nicht erwehren. Denn im Grunde gehört es auch gar nicht zu den Erfordernissen eines christlichen Theologen, den Talmud, seine Sprache und Ausdrucksweise so zu verstehen, um urtheilen zu können, nicht blos, daß eine in deutscher Sprache angeführte Stelle wirklich im Talmud vorhanden sei, sondern auch, ob die Uebersetzung und Erklärung den Textworten, ihrem Zusammenhänge und ihrer Bedeutung entspreche. Viel fähiger wären hierzu Orientalisten vom Fache. Ohne also ein Mißtrauen zu der Unparteilichkeit der theologischen Facultät zu hegen, schwebt uns zunächst der Zweifel vor über die talmudische Fachkenntniß derselben. Wir können daher dem Gutachten derselben nur mit Spannung entgegensehen, uns vorbehaltend, über dasselbe uns ein eigenes Urtheil zu schaffen. Da wir bis jetzt die incriminirten Artikel der „Wiener Kirchenzeitung" nicht vorliegen haben, so schrieben wir um dieselben nach Wien und werden uns in einer der nächsten Nummern speciell darüber aussprechen können. * Zerstreute Bemerkungen. Wer den Charakter der Völker in seinen Eigenthiimlichkeiten, wie sie sich im Ganzen und Großen ihres Le-

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