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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-12-13 · Heft 51 (13.12.1864) · p. Seite 791

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 51 (13.12.1864)
Date
1864-12-13
Page
Seite 791 (sequence 3)
Language
German
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791 seine religiösen Beziehungen zu erneuern, in sich selbst ein- und zu seinem Gotte zurückzukehren. Wir geben zu, daß dieses Bedürfniß oft nur ein oberflächliches ist, das sich mit einigen Stunden oder Tagen des Jahres abfindet, aber es ist doch vorhanden, läßt die Trennung von allem religiösen Wesen nicht zu und wächst mit dem fortschreitenden Lebensalter an. Ein ähnliches Verhältniß findet auch in der Wissenschaft statt. Ihre formelle Seite und ihre Specialien können zwar auf Zeiten hin den menschlichen Geist völlig occupiren, aber sie vermögen es nicht auf die Dauer. Die Resultate der Wissenschaft können zwar auf Zeiten ein solches Vertrauen auf ihre Sicherheit und eine solche Zuversicht auf die Folgerungen aus ihnen bewirken, daß man außer ihnen nichts mehr constatiren will. Aber die Wissenschaft selbst stößt dieses Vertrauen und diese Zuversicht bald wieder um, denn nach kurzem Zeitraum bringt die Beobachtung neue Factoren zu Tage und das frühere System /rweist sich unhaltbar. Dies hat sich in der Geschichte der Wissenschaften zu oft wiederholt und ist in den jüngsten Tagen über die jüngsten Theorien wieder so sehr zum Vorschein gekommen, daß man sich nicht zu scheuen braucht, die Geister als befangen zu erklären, welche immer von neuem an die Unzweifelhaftigkeit wissenschaftlicher Systeme glauben. Am Ende führt dann die Wissenschaft selbst immer wieder auf die höchsten Fragen hin und gesteht zuletzt ein, daß sie dieselben nicht zu lösen vermag, daß Beobachtung, Erfahrung, Jnduction und Analogie es doch immer nur bis zu einem gewissen Jncidenzpunkte bringen, von wo aus die Beantwortung der Frage eine willkürliche, auf Voraussetzungen beruhende wird, die keinen realen Boden haben. Daher auch die häufige Erscheinung, daß die Männer der Wissenschaft, sobald sie sich nicht auf die Bearbeitung des blos Stofflichen ihrer Wissenschaft beschränken wollen, sich der Religion eifrig zuwenden und hierin von ihrer Wissenschaft selbst vor dem Extreme nicht geschützt werden. Die wahre Wissenschaft ist daher durchaus keine Gegnerin der Religion, sondern leitet selbst zu dieser hin; der echte wissenschaftliche Geist kennt die Grenzen der menschlichen Wissenschaft und strebt aufrichtig, diese durch die Religion zu ergänzen. Was insonders die historische Wissenschaft betrifft, so bleibt diese ohne einen religiösen Geist völlig dunkel, ein Todtliegendes, eine große Schädelstätte der Menschheit. Ja, so ist es. Die Natur wie die Geschichte ist öde und Jpbt ohne den lebendigen Gott, der in ihnen waltet und sie beseelt. Die Natur und Geschichte sind ohne die religiöse Auffassung nur mathematische Figuren, deren Größen und Formen exact beobachtet und beschrieben werden können, ohne daß das Wesen nur die geringste Beleuchtung empfängt, chemische Laboratorien, in denen zei setzt und componirt ohne Unterlaß wird, ohne Zweck und Gesetz in etwas bewußt zu machen. Wenn der Mensch jemals sich mit dem bloßen „So geschieht es" begnügen wird, ohne nach dem Wie? Warum? und Wozu? zu fragen — wenn der Mensch jemals sich mit den Beobachtungen seines Verstandes befriedigen wird, ohne die Empfindungen seines Herzens und die höheren Fragen seines Geistes zu berücksichtigen — dann erst ist ihm der Weg zur Religion auf immer abgeschnitten. Wenn sich auf diese Weise die Erwägung nach beiden Seiten hin stellt und wohl erkennt, daß Leben und Wissenschaft der Existenz der Religion und ihrer Wirksamkeit einen schweren Kampf bereiten, andererseits aber in dem Menschen ein unverwüstliches Bedürfniß nach der Religion vorhanden ist, so daß jene dieser zuletzt sogar wieder zur Hilfe kommen: so dürfen wir offenbar beides nicht aus den Augen lassen. Die Unerschütter--- lichkeit der Religion muß uns Muth und Vertrauen einflößen, aber die Streitkräfte des Lebens und der Wissenschaft uns daran denken machen, sowohl für die Religion zu kämpfen und zu arbeiten als auch die Ausgleichung und Versöhnung anzustreben. Hier ist es nun, wo das Judenthum begünstigende Momente besitzt. Die Einfachheit und Vernunftmäßigkeit seiner Lehre macht es geschickt, dem erwachenden Bedürfniß in den Menschen, die religiös lau geworden, entgegenzukommen und es zu befriedigen. Es zwingt den weltlichen und den wissenschaftlichen Sinn nicht, von seiner bisherigen Geistesmethode abzufallen und sie von sich abzuweisen, es verlangt nur, daß sie sich mit den Principien seiner Lehre zu verständigen suche, und da ist es zweitens der starke Zug der Pietät, der in dem jüdischen Charakter liegt und niemals ganz aus ihm weicht, welcher dem Judenthume zu Hilfe kommt und bei dem leisesten Erwachen des Bedürfnisses schnell und leicht den Weg zu ihm zurückebnet. Aber gerade darum ist es um so wichtiger, daß das Judenthum die in ihm liegende, in seinem Geiste und seiner Geschichte sich bethätigende Kraft seiner Entwickelung verwende. Es gibt allerdings Fälle, wo einzelne Menschen durch eine plötzliche Umwandelung ihres bisherigen Wesens durch erschütternde Ereignisse oder große innere Seelenvorgänge in religiöser 51 *

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