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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-12-13 · Heft 51 (13.12.1864) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 51 (13.12.1864)
Date
1864-12-13
Page
Seite 790 (sequence 2)
Language
German
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790 was alles zusammen das „Leben" ausmacht, so wenig er zur Befriedigung feines Geistes und seiner Bedürfnisse der Wissenschaft entrathen kann, ebenso unentbehrlich ist ihm die Religion, weil sie zu seinem eigenthümlichsten Wesen gehört. Es gab Menschen, welche in ihrer Verblendung behaupten, daß die Religion nur der Kindheit der Menschheit und der Menschen angehöre, daß der gebildete Geist weit über sie hinweg sei und sie nur noch als einen Traum der Vorzeit hinter sich sehe. Aber, und dies ist schon ein bedeutender Schritt, unsere Zeit ist über diese Selbsttäuschung hinweg. Nicht blos der Geschichte sondern auch der Gegenwart Erscheinungen haben diesen Wahn zerstreut, und wer nicht etwa dumpf und bewußtlos hinlebt, muß jetzt Freund oder Feind der Religion sein. Gerade das wird jetzt als die höchste Bildung anerkannt, mit einem tiefen Gefühle und richtigen Verstandniß der Religion ein reiches Wissen und eine lebendige Entfaltung aller Geisteskräfte zu verbinden. Man hat nun dieses Bedürfniß nach Religion, welches in Zeitaltern, Völkern und Individuen immer wieder aufs lebhafteste erwacht und nach Befriedigung und Vertiefung verlangt, gerade dann am stärksten erwacht, wenn eine Zeit der Verflachung oder großer Erschütterungen vorhergegangen, man hat dieses Bedürfniß aus das Abhängigkeitsgefühl beschränken wollen, das in dem Menschen besonders bei großem Schicksalswechsel, in tief ergreifenden und schwer bedrohlichen Mißgeschicken, bei Verlusten und Trauerfällen oder unter der Wucht gewaltiger Naturerscheinungen rege werde, ihn plötzlich überkomme und ganz und gar wie eine Leidenschaft beherrsche, daß er blind werde gegen alle Schlüsse seines Verstandes und taub gegen die Stimmen seiner bisherigen Ueberzeugung, weshalb auch der Ungläubigste in solchen Nöthen sich zur Religion flüchte. Andere sind noch etwas weiter gegangen und haben zugestanden, daß in dem Menschen eine Sehnsucht nach Höherem, nach dem Ueberirdischen und Uebersinnlichen bestehe, die, wenn sie allzu sehr genährt werde, mit dem menschlichen Ideal sich nicht begnüge und daher in der Religion ihre Befriedigung suche. Wir acceptiren beides, denn es ist wahr. Ja, sehen wir genauer zu, so haben die Gegner der Religion hiermit schon selbst das bedeutendste Zeugniß für die Religion abgelegt. Ihr habt also nichts, was den Unglücklichen, Gefährdeten, Niedergebeugten zu halten, zu schützen, aufzurichten, ihm seineü Muth wiederzugeben, seine geschwächte Kraft zu stärken, von Verzweiflung oder namenloser Furcht zurückzuhalten vermag? Ihr habt also nichts, was die höheren Ahnungen des Menschen zu stillen, seinen Blick über das. Vergängliche und Beschränkte hinauszuheben vermag? Und ihr gesteht zu, daß der Mensch in allen diesen Fällen zur Religion fliehen und in ihr allein suchen muß und findet, was ihm noch thut. Dies ist sehr viel. Denn da alle solche Ereignisse und Zustände und jenes höhere Verlangen nicht aus der Welt geschafft werden können und zu aller Zeit und in allen Verhältnissen vollwichtig eintreten, so habt ihr selbst die Unentbehrlichkeit der Religion constatirt. Wie widersinnig aber ist es dann, herabzusetzen und beseitigen zu wollen, was als das Asyl der leidenden und dürstenden Menschheit erachtet wird! Aber es ist nicht wahr, daß sich das Bedürfniß nach Religion auf diese Quellen allein beschränke. Auch wenn nicht das Schwert des Geschickes über das Haupt des Menschen gezückt ist, auch wenn nicht die Strömung eines unbefriedigten Gemüthes nach oben drängt, ist das Bedürfniß nach der Religion vorhanden und gebieterisch. Alles, was in dem Menschengeiste an tieferem Gefühle, an Innerlichkeit und über das Gemeine Hinwegragendem besteht, hat die unlösbarste Beziehung zur Religion. Alles, was auch im Leben aus dem Herzen und den höheren Trieben des Menschen sich gestaltet und es mitten durch seine anderen Bestrebungen farbig durchzieht, steht in untrennbarer Verbindung mit der Religion. Alle Fragen, die im Menschen über sein eigentliches Sein, über seine Bestimmung und sein Ziel, über die Welt, die sichtbare und die unsichtbare, erstehen, führen ihn unmittelbar zur Religion, aus deren Lehren er die Antwort schöpft oder sie von neuem in ihr sucht. Blicken wir nur auf das eine Moment, die Familie. Wie sie unmittelbar aus den Tiefen des menschlichen Wesens, der göttlichen Einrichtung und Fügung entspringt, so kann sie auch ein volles und lauteres Leben nur durch ihre religiöse Haltung erlangen und ihr Grundzug muß im religiösen Gefühle und Geiste beruhen. Fühlt dies nicht jedes Kind in seinem Verhältniß zu seinen Eltern vorwiegen? Und wiederum gibt es Eltern, denen in der Erziehung ihrer Kinder sich nicht das Bedürfniß einer religiösen Erziehung nachdrücklich aufdrängt? Welche auch die Zerstreuungen der Welt, die abziehende Gewalt der Arbeit und Thätigkeit nach den verschiedensten Richtungen hin, wie groß auch die Macht der Leidenschaften: sobald sich die erste Glut abgekühlt, der erste Reiz abgestumpft hat, tritt wieder das Bedürfniß, auch religiös zu exisliren, hervor, und der Mensch verlangt danach,

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