Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-12-06 · Heft 50 (6.12.1864) · p. Seite 784

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 50 (6.12.1864)
Date
1864-12-06
Page
Seite 784 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226469--22649-3259933
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

784 fungirende Rabbiner Ullmann, ein durch Wissen und Talente ausgezeichneter Mann, wirkt jetzt dort in segensreicher Weise. Teplitz, 17. November. Ein Herr Josef Lövy, der in Teplitz seit vierzehn Jahren als Mohel fungirt, schreibt an die Redaction d. Bl., daß er ein Mittel besitze, um bei Beschneidungen jede Blutung zu verhindern und sie dadurch in jeder Beziehung gefahrlos zu machen. Er ist bereit, auf jedes srankirte Anschreiben unentgeltlich dieses Mittel mitzutheilen. Rußland. Odessa, im Oktober. (Privatmitth.) Am 17. d. Mts. beschloß Simche Pinsker, im Alter von 63 Jahren, seine irdische Laufbahn. Nach einem mehr als zehnnwnatlichen qualvollen Leiden in der Fremde, ward es ihm vergönnt, die letzten Tage seines Lebens bei zweien seiner Söhne hier znzubringen, und ehe sein Auge für immer brach, noch manche von denjenigen um sich zu sehen, die in ihm den Freund geliebt und den Lehrer geehrt haben. Was Pinsker als Gelehrter geleistet, welchen Rang er in der Geschichte der jüdischen Literatur als Kritiker und Forscher einzunehmen verdient, was er der Wissenschaft überhaupt gewesen, für die er gelebt und gerungen, für die er geglüht in der reinsten Wahrheitsliebe, und was sie an ihm nun verloren — muß ich competenteren Richtern zu entscheiden überlassen. Aber mit Pinskcr wurde nicht nur ein treuer Jünger der Wissenschaft sondern auch ein Mensch zu Grabe getragen, dem wenige, vielleicht sogar sehr wenige an die Seite gesetzt werden können. Sowie die Liebe zur Wahrheit ihn auf seinem so mannigfach bewegten geistigen Leben auch nicht auf einen Augenblick verließ, so war auch sein Thun und Lassen eine ununterbrochene Kette von Edelsinn und Menschenliebe; und wie sein Denken von Borurtheilen, so war sein Handeln von kleinlichen Persönlichkeiten frei. Die sein ganzes Wesen ausfüllende Güte und Bescheidenheit widerstanden allen äußeren Versuchungen und nur dann konnte seine gemüthreiche Duldsamkeit zum Weichen gebracht werden, wenn die Heuchelei aus selbstischem Interesse die Wahrheit zu entstellen suchte; denn für den Jrrthum, der aus Eigendünkel oder Unwissenheit sich geltend machen wollte, hatte Pinsker stets jene zarte Nachsicht, mit der wohlwollende Denker derlei Mängel zu behandeln pflegen. — Wer den gegenwärtigen Culturzustand der Masse der jüdischen Bevölkerung Rußlands kennt und die Schwierigkeiten sieht, die der Obscurantismus noch jetzt den besseren Bestrebungen entgegensetzt, wird leicht begreifen, welchem harten Kampfe diejenigen sich unterziehen mußten, die vor mehr als 30 Jahren schon ihre Glaubensgenossen aus der unheilvollen Abgeschlossenheit ziehen und an dem allgemeinen Fortschritt theilnehmen lassen wollten. Pinsker war in jener Zeit, wenn nicht der erste so doch einer unter den ersten, die zur Gründung einer Erziehungsanstalt alle ihre Kräfte aufboten, einer Anstalt, die bis zur Stunde Hunderte von Zöglingen, ausgerüstet mit Kenntnissen und Sittlichkeit, in alle Richtungen des Lebens hinaussendet. Und während manche von denen, die hierin gemeinsam mit ihm wirkten, muthig dem Haß und der Berfolgungssucht des Fanatismus sich aussetzten, wußte Pinsker die blinde Wuth des Vorurtheits durch jene weiche Schonung zu entwaffnen, die, gestützt auf gesunde Logik, selten verfehlt, die Leidenschaftlichkeit des Jrrlhums in Eifer für die Wahrheit umzuwandeln. Daß mancher, der diese psychologische Thatsache nicht gekannt, deshalb Pinsker mehr Urtheil als Thatkraft zugeschrieben, ist nur sehr natürlich. Alleinder nichtoberflächliche Beobachter wird zugeben müssen, daß, wenn zwar die Siege der materiellen Kraft von unmittelbarerem Nutzen, der Erfolg der geistigen Vermittelung jedoch von nachhaltigerer Wirksamkeit ist, und daß daher das Verdienst der Belehrung dem Verdienste der Bekämpfung nicht nachsteht, wenn namentlich beide einem und demselben edlen Ziele zustreben. Was Pinsker für die Bildung der israelitischen Jugend Odessas gethan, er that es ohne alle Ostentation, ohne glänzen oder von sich sprechen machen zu wollen, sondern nur, um dem ihu drängenden Triebe zur Hebung des geistigen und sittlichen Zustandes seiner Glaubensgenossen Befriedigung zu verschaffen; und er that dieses in einer Weise, die bei allen, mit und bei denen er für den hohen Zweck wirkte, in anerkennender und dankbarer Erinnerung lebt. Daß der Mann, dem Wahrheit der Compaß im Denken, Menschenliebe die Richtschnur im Handeln war, auch nichts von jener Schwachheit besaß, die der gewöhnlichen menschlichen Natur innewohnt, nämlich jede Ueberlegenheit fühlen zu lassen, ist ein Zug, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.