Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1864)
- Date
- 1864-12-06
- Page
- Seite 776 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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776 schreibung drs Leichenbegängnisses mnb Heben aus ihr nur folgende Melle'heOor: „Wo waren heute die Proletarier mit den .drohenden, trunkenen Gesichtern, die den durch Tracht und Physiognomie sich abzeichnenden Juden angrinsten? wo die rohen Fäuste, welche sonst bei öffentlichen Anlässen auf dem krummen Rücken der Söhne des Ostens sich belustigten, so diese unter die Menge sich wagten? Sie faßten heut ein unter die Massen gerathenes Judenkind, um es unter sanften Reden in Sicherheit zu bringen.' Man wetteiferte heute in Artigkeiten gegen die „alttestamentlichen Brüder", als wollte man den Bedrückten das bisherige Unrecht versüßen. Und die Herren von der Presse, welche das deutsche „Hep, Hep" so geschickt ins Polnische zu übertragen gewußt? Sie führten mit proselhtischem Uebereifer beständig, die „Verbrüderung" im Munde und thaten Buß4 und bestreuten ihr Haupt mit der Asche öffentlicher Demüthigung. Fehlte es auch für den nüchternen Beobachter der Feier nicht an manchen Zügen theatralischer Gemachtheit, so schienen doch thatsächlich unter dem klaren wärmenden Märzhimmel beim Anblick der fünf -hochgetragenen Särge alle Dissonanzen des socialen Lebens immer mehr echter, von Würde getragener Harmonie zu weichen. Die in Fluß gebrachten Massen aber verschmolzen sich vollständig und rissen selbst die Widerstrebendsten mit sich fort, als — zum ersten Male wohl in Polens Geschichte — an dem offenen Grabe der fünf Gefallenen die Geistlichen aller Confessionen in ihren Ornaten der Einsenkung der Leichen assistirten und den Todtengruß ihnen ein jeder nach seiner Weise in die Gruft nachsandten." „Am 9. März, der Octave des Beerdigungstages, begannen die Trauergottesdienste für die Gefallenen in Warschau und fanden im ganzen Lande Nachahmung. Die Gotteshäuser der. vier Confessionen, der katholischen, der beiden reformirten und der israelitischen, wetteiferten miteinander in der Ausstattung dieser Trauerfeierlichkeiten, bei denen Eintracht, Ruhe und Ordnung die Parole durch das ganze Land war. , Für den Psychologen und Moralisten mochte es von demüthigendem Interesse sein, an so mancher Stätte Liebe und Toleranz predigen zu hören, die noch kurz vorher von polterndem Glaubenshaß widerhallte; diejenigen „Brüder" nennen zu hören, die derselbe Mund eben noch als Feinde verflucht hatte. Aber die Kirche allein war es, welche die Vereinigung der Bekenntnisse vollziehen konnte und mußte, weil sie, wie wir oben bereits bemerkt, das einzige öffentliche'' Organ des Vdtkcs wan" —; ] ■ ' Offenbar glaubt der Verfasser selbst nicht so recht an die Dauerhaftigkeit dieser Verbrüderung. Er gesteht selbst, daß vor 1861 die Polen in den Banden der stärksten Bigotterie standen, und erst jetzt benachrichtigen uns die öffentlichen Blätter, daß sich'innerhalb der polnischen Emigration eine zahlreiche klerikale Partei constituirt habe. Ob also diese Verbrüderung mit den Juden über die Zeit der Gefahr hinausgereicht hätte, erscheint fraglich. Auch muß sie Wohl nur eine örtliche gewesen sein, denn wir erinnern an unsere Correspondenzen aus Litthauen, aus der Zeit des Aufstandes, 'in welchen die Polen in Litthauen als den Juden sehr feindlich geschildert wurden. Wie dem aber auch sei, jene erhebenden Momente wahrhafter Verbrüderung sind ein geschichtliches Factum, das nicht übersehen werden darf. Nachdem die Franzosen sich einmal auf das theologische Gebiet mit frischer Kraft geworfen haben, kann man voraussetzen, auch die sonderbarsten Erscheinungen an das Licht treten zu sehen. Die Phantasie der Franzosen ist eine lebhafte; mit ernsten und gründlichen Studien auf philologischem und historischem Gebiete nehmen sie es nicht so genau; sie bauen sich alsbald ein luftiges Gebilde zusammen und dies ist ihnen dann Philosophie der Geschichte. Um so weniger braucht man-es mit derartigen Erzeugnissen ernst zu nehmen und sie einer scharfen Kritik zu unterziehen, die sie nicht ertragen können. Jedenfalls tragen auch sie dazu bei, das Interesse neu zu beleben, den Geist aus dem Schlendrian zu wecken und zu tieferen Prüfungen des Gegenstandes zu reizen. Hierher gehört das jüngst erschienene Buch Michelet's: „La bible de l'kumanilä." Der Verf. will auf Grund der neuesten Forschungen und Entdeckungen das Religiöse von Beginn an durch die lange Reihe der Jahrhunderte verfolgen. Indisches, Persisches, Griechisches,' Jüdisches, Christliches läuft dabei in bunter Gruppirüng neben- und durcheinander. Die Menschheit zerfallt nach Herrn Michelet in zwei große Theile, so ganz nach Zoroaster's Weise. Auf der einen Seite stehen die Söhne des Lichts, Arier, Inder, Perser ünd Griechen, deren untergeordnete Stämme Römer, Selten und Germanen sind. Die Söhne der Nacht sind die Semiten, die Juden nicht ausgenommen. „Sie find nur die secundäre, kleinere Hälfte der Menschheit — sind sie auch theilweise groß durch