Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1864)
- Date
- 1864-12-06
- Page
- Seite 774 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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774 nicht, welchem im Bunde mit Italien schwerlich in Rom beizukommen Ware. Was ist nun von Frankreich von dieser Sache zu erwarten? Es überkommt uns hier eine andere Frage, Wie geschieht es, daß dasselbe Frankreich, welches 1792 in so ungeheuerlicher Weise gegen die Kirche wüthete und das den Kirchenstaat säcularisirte und den Papst nach Fontainebleau brachte, jetzt den päpstlichen Stuhl gegen dessen eigene Unterthanen und gegen ganz Italien vertheidigt? Dem aufmerksamen Beobachter kann die Beantwortung nicht schwer werden. Ein großer Theil des französischen Volkes, namentlich das Landvolk ist noch heute klerikaler Gesinnung. Zur Zeit der Revolution lasteten die Vorrechte und Besitzthümer der Kirche und Geistlichkeit in gleicher Weise wie die des Adels auf dem französischen Volke) um diese los zu werden, schloß es sich an die Revolution an, und da die Geistlichkeit selbstverständlich sich der Entziehung ihrer Vorrechte und Besitzungen widersetze, so loderte die Zornesflamme des Volkes gegen sie auf. Nachdem aber der Verlust jener entschieden und das Volk von diesen Lasten auf immer befreit war, indem die Geistlichkeit ihre Einkünfte aus der Staatskasse bezieht, wandte sich auch der Sinn des Volkes, namentlich auf dem Lande, der Kirche wieder zu und diese hatte Zeit und Gelegenheit genug, sich der Geister wieder zu bemächtigen. Der jetzige Kaiser der Franzosen weiß dies sehr wohl; er hat zuviel dem Einflüsse der Geistlichkeit bei der Errichtung seines Kaiserthrones zu verdanken; er sieht bei jeder Abgabe des 8uür9A6 universel die Landgemeinden zu oft unter dem Banner ihrer Pfarrer zur Wahlurne ziehen, als daß er dieses bedeutsame Moment außer Acht lassen sollte. Nicht minder weiß er aber auch, daß der klerikalen Partei zu aller Zeit ein starker Zaum angelegt werden muß, wenn nicht seine eigene Macht von ihr überwuchert werden soll, und daß eine nicht minder große Partei in Frankreich besteht, welche in dem Einflüsse der Klerikalen alle Grundsätze des modernen Staatslebens bedroht und gefährdet steht und die um die Erhaltung der liberalen Ideen auf Leben und Tod kämpft. Napoleon III. hat es hinlänglich erwiesen, daß er kein Herrscher nach Principien ist, sondern nach den Um- und Zuständen. Er mag wohl in seiner Ueberzeugung Principien haben, wie er sie auch früher in "seinen Schriften ausgesprochen hat; aber in der Erkenntniß, daß in Europa noch kein Princip zur unbedingten Herrschaft gekommen ist, sondern daß die entgegengesetztesten noch miteinander im Kampfe liegen, sucht er den Bestand seiner Herrschaft darin, sich keineyl derselben hinzugeben, sondern nach, den Vnhäftnissey und Lagen sich zwischen dem einen und dem andern zu erhalten. Man muß dies wohl verstehen. Es heißt dies nicht, daß Louis Napoleon schwanke, daß er bald dem einen bald dem andern Principe huldige, bald der einen bald der andern Partei sich hingebe. Vielmehr sucht er beide zu beherrschen, beiden sich unentbehrlich zu machen und je nach der mächtigen Strömung der Verhältnisse zu nehmen und zu gewähren, um Schritt vor Schritt zu einem Ziele zu gelangen, ohne eine der beiden großen Parteien zu vernichten oder sich selbst zur entschiedenen Gegnerin zu machen. Sein Ziel ist, Frankreich nach außen den mächtigsten Einfluß zu erwerben und nach innen seine persönliche Herrschaft zu erhalten und seine Dynastie zu befestigen, und in der Verfolgung dieses Zieles bekämpft er weder die noch immer mächtigen Reste der Gewalten der Vergangenheit noch die bis jetzt immer erst in der Entwickelung begriffenen Gewalten der Zukunft, sondern fördert beide gemäß den Kräften und der Geltung, die er ihnen in der Gegenwart einwohnend glaubt. So macht er sich weder zum Champion der Klerikalen noch zum Vorkämpfer der Liberalen, immer aber mit allmählichen Schritten vorwärts schreitend, weil er dies als das unbedingte Gesetz der Geschichte erkannt hat. Er nimmt es daher auch mit den Schlagwörtern der Principien nicht genau. Er sagt: „Das Kaiserreich ist der Friede", und führt Kriege in der Krimm, in Italien und in Mexiko. Er sagt: „Italien frei bis zur Adria", und schließt den Frieden von Zürich. Er proclamirt das Nalionalitätsprincip und annectirt das italienische Nizza, das Princip der Nichtintervention und intervenirt in allen Theilen der Welt. Fragen wir also, was hinsichtlich der weltlichen Herrschaft des Papstes von Frankreich zu erwarten steht, so kann man dies vorerst nur auf die Regierungszeit Napoleons III. beschränken. Denn wer vermöchte in die weitere Zukunft zu schauen. Bei diesem Herrscher läßt sich aber nur auf eine allmähliche Entwickelung der Dinge rechnen. Er hat das weiteste Ziel Italiens ausgesprochen, zunächst aber die Lombardei mit Piemont verbunden, dann aber die Annectirung der mittelitalienischen Staaten und Neapels zugegeben; dann wieder die Aneignung mehrerer Provinzen des Kirchenstaates und die Constituirung des Königreichs Italiens bewilligt und feierlich anerkannt; jetzt hat er die Zurückziehung der französischen Truppen aus Rom im Laufe von 2 Jahren