Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1864)
- Date
- 1864-11-29
- Page
- Seite 765 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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765 oder unbewußt ein Charakter-, Zeit- oder Lebensgemälde ohne subjectiv gefärbte, vorgefaßte Meinung hätte entwerfen können. In noch viel höherem Grade gilt dies bei Beurtheilung des Culturzustandes eines Volkes. Derjenige, welcher nie die enggezogenen Marken feines Vaterlandes überschritten und somit seinen Gedankenfond mit fremden Anschauungen und Lebenserfahrungen nie bereichert hat, wird von dem jeweiligen Culturgrad seiner Umgebung einen ebenso getrübten Blick haben als derjenige, welcher aus weiter Ferne ohne autoptisches Prüfen zu urtheilen oder — wie es gemeiniglich geschieht — abzuurtheilen sich erlaubt. Sollte ich hierfür ein Beispiel anführen, so wäre es Ungarn. Der „mag^ar ember“, der an der Scholle seines Landstrichs haftet und daher in die ungleich höhere Intelligenz des Auslandes kaum eingeweiht ist, steht nicht an, zu behaupten: „extra Iliingariam non est patria“, wie es andererseits viele gibt, denen Ungarn eine völlige terra incognita ist, die über dasselbe jedoch in einer Weise absprechen, welche streng gerügt zu werben verdient. — Die Wahrheit des bisher Gesagten drängte sich mir unwiderstehlich auf, als ich nach einer mehrjährigen Abwesenheit mein geliebtes Vaterland Ungarn bereiste uüd mich forschend in dessen Bildungssphären umthat. Anfangs wollte es mich bedünken, als ob Ungarn in wissenschaftlicher Beziehung geradezu Rückschritte gemacht hätte, weil ich bei der Beurtheilung den Maßstab der Intelligenz Preußens entlehnte. Bald aber ward ich eines Bessern belehrt, indem ich Ungarn aus s i ch heraus prüfte und den herrschenden Wissenschaftlichkeitssinn in demselben dem früherer Jahre im Geiste gegenüberhielt. Mit Freuden gewahrte ich nun, daß das mißliebige, absprechende Urtheil des Auslandes über Ungarn und ungarisch-jüdische Verhältnisse, vor das unbestechliche Tribunal der Wahrheit gestellt, als ein vorurtheilsvolles und befangenes sich erwies. Allerdings darf nicht geleugnet werden, daß es leider noch ungarische Gemeinden gibt, welche, in chassidisch-fauatische und verketzerungssüchtige Anschauungs- und Denkweise gebannt, für den mächtigen Wellenschlag des fortschreitenden Zeitgeistes kein empfängliches Ohr haben; doch das muß zum mindesten wahrheitsgetreu anerkannt werden: daß der vorwiegend größere Theil der ungarischen Judenschaft, von wissenschaftlichen Bestrebungen getragen, sich über das Niveau der seichten Oberflächlichkeit seines Bildungsgrades zu erheben, die ernstesten Anstrengungen macht. Gestatten Sie mir, dieses im allgemeinen über Ungarn ausgesprochene Urtheil durch specielle Anführung zweier Gemeinden zu erhärten. Diese sind die pesther und die kecskemeter Gemeinde. Bon der letzteren, als meiner geliebten Vaterstadt, will ich mich schon darum möglichst kurz fassen, weil ich selbst den entferntesten Vorwurf von etwaiger Parteilichkeit vermeiden möchte. — Nur zur Steuer der Wahrheit erwähne ich: daß die kecskemeter Gemeinde — circa dreihundert Familien zählend — eine sehr gut organisirte jüdische Musterhauptschule besitzt, welche unter der gewissenhaften Ueberwachung Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiucrs Fischmann und der energischen Leitung der tüchtigen Herren Lehrer Schönwalv, Hirsch, Veigelberg und Weiß blüht. Die Gemeinde hat ferner einen geregelten Choralgottesdienst, bei welchem der sehr namhafte Cantor Mohr fungirt. Die dreiwöchentlichen, in schöner, kräftiger deutscher Sprache gehaltenen gottesdienstlichen Vorträge des ebengenannten Hrn. Seelsorgers sind, wie ich als Ohrenzeuge sagen kann, höchst erbauend und belehrend. Die Gemeinde selbst ist — was im Gegensätze zu so vielen ungarischen Gemeinden betont zu werden verdient — sehr friedliebend und opserungsfähig. Ersteres beweist, daß eS keine religiösen Schismata gibt, letzteres, das Erhalten eines jüd. Spitals, wie auch der vor kurzem in Angriff genommene und schon unter Dach gebrachte prächtige Neubau eines Gotteshauses. Ueberhaupt herrscht ein nachahmungswerther Wohlthätigkeitssinn, auf welchen unter anderen die Biedermänner Hofmann, Hacker, Lichtner, Schönberger u. s. w. unermüdlich anregend wirken. — Von der pesther Gemeinde resp. ihren Wohlthätigkeits- und Lehrinstituten will ich mich der Kürze wegen nur auf Besprechung eines, von l)r. Meisel gegründeten Instituts, das den Namen mm nabn führt, beschränken. Und dies aus doppeltem Grunde: einmal, weil ich selbst bei Gelegenheit meiner Durchreise bei der Vorprüfung der Schüler anwesend war; sodann und hauptsächlich aber deshalb, weil unbegreiflicherweise selbst in unserer so red- und schreibseligen Zeit, in der über jedes und alles öffentlich referirt wird, gerade über diese Talmud-Thora, vorzüglich aber über die Verdienste ihres Leiters, des durch seine pädagogische Tüchtigkeit so vortheilhaft bekannten Mannes, des Herrn Heinrich Deutsch, Religionslehrers an den pesther Gymnasien und Realschulen — so spärlich berichtet wird. 49