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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-29 · Heft 49 (29.11.1864) · p. Seite 760

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 49 (29.11.1864)
Date
1864-11-29
Page
Seite 760 (sequence 4)
Language
German
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760 Hebräer dauern nicht allein fort, sondern erheben sich von neuem in dieser Zeit des politischen Ruins. Die Absichten Gottes stehen über dem Schicksale der Staaten und es fehlt ihnen niemals an Werkzeugen: mitten durch die Gewalttätigkeit der Könige und den Abfall des Volkes erhalten die Propheten Israels den göttlichen Bund aufrecht." Das Capitel über die Propheten beginnt folgendermaßen: „Ein berühmter Publicist, freier Denker und der radicalen Schule angehörig, Herr John Stuart Mill hat jüngst in seinem Werke über das Repräsentativsystem gesagt: „Die ägyptische Hierarchie und der väterliche Despotismus von China waren Werkzeuge, sehr geeignet, diese Nationen zu der Stufe der Civilisation zu bringen, welche sie erreicht haben. Aber einmal auf diesem Punkte angekommen, haben sie hier einen dauernden Halt gemacht, aus Mangel an intellectuellcr Freiheit und an individueller Entwickelung, der zwiefachen Bedingung des Fortschrittes, die aber diesen Völkern durch dieselben Institutionen versagt war, die ihre Laufbahn beherrscht halten, und da diese Institutionen nicht verschwunden sind, um anderen Platz zu machen, wurde jeder weitere Fortschritt aufgehalten. Ein anderes Volk des Orientes, sehr klein und sehr unbedeutend an der Seite jener beiden, die Juden, bietet ein ganz entgegengesetztes Beispiel. Auch die Juden hatten eine absolute Monarchie*) und eine Hierarchie und ihre Institutionen waren von priesterlichem Ursprünge**) wie die der Hindus. Und diese Institutionen thaten für sie, was sie für andere Racen des Orients thaten: sie gaben ihnen die Ordnung, die *) Dies ist nicht richtig, denn die Könige Israels waren gesetzlich an das mosaische Gesetz gebunden, das zugleich als Fundamentalgesetz unveränderlich war und demnach die feste Constitution bildete, von der der Absolutismus beschränkt war, noch dazu, da in jenem die obengezeichneten Grundprincipien gesichert waren. S. 5 M. 17, 18. Daß die Könige sich oft nicht daran hielten, ändert an der Sache nichts, wie ihre Neigung zum Götzendienste ebenso widerrechtlich war. Waren sie gegen das Gesetz, so waren sie damit außerhalb des Gesetzes. Die Redaction. **) Dies ist eben, wie oben erwiesen worden, grundfalsch; aber dieser Jrrthum ist so eingewurzelt, daß man ihn noch lange wird bekämpfen müssen. Gewahren denn diese Männer ihren eigenen Widerspruch gar nicht, daß sie die Institutionen Israels aus priesterlichem Ursprünge herleiten und doch zugestehen, daß in denselben keine priesterliche Herrschaft, ja nicht einmal priesterliche Vorrechte enthalten waren? Die Redaction. industrielle Thätigkeit und ein nationales Leben. -Aber weder die Könige noch die Priester der Juden haben auf diese, wie es bei den anderen Völkern des Orients geschah, eine ausschließliche Herrschaft ausgeübt.*) Die hebräische Religion, welche Männer von Genie und großem religiösen Charakter autorisirte, als Jnspirirte des Himmels betrachtet zu werden und sich selbst zu betrachten, hat einer Institution, die zwar nicht organisirt, aber von unschätzbarem Werthe war, den Ursprung gegeben, nämlich dem Orden der Propheten, wenn man diesen einen Orden nennen kann. Unter dem, wenn nicht immer, doch im allgemeinen wirksamen Schutze ihres geheiligten Charakters waren die Propheten in der jüdischen Nation eine Macht, welche oft die der Könige und Priester überragte, und sie erhielten in diesem kleinen Winkel der Welt jene Verschiedenheit aufrecht, jenen Kampf der Einflüsse, welcher die einzige reelle Bürgschaft des dauernden Fortschrittes ist. Die Religion war nicht bei den Hebräern, wie sie es so häufig anderswo war, die einfache Heiligung jedes bestehenden Regiments und ein Hinderniß für jeden weiteren Fortschritt. Ein ausgezeichneter Israelit, Herr Salvador, hat gesagt, die Propheten seien in der Kirche und dem Staate der Juden ein Aequivalent für die Preßfreiheit bei den Modernen gewesen; es ist dies ein richtiges, aber ungenügendes Bild der Rolle, welche in der nationalen und universalen Ge-§ schichte dieses große Element des hebräischen Lebens gespielt hat: da die Inspiration niemals vollständig, niemals erschöpft war, so konnte jeder Mann von höherem Genie und sittlichem Sinne unter der unmittelbaren Autorität Gottes nicht allein alles das anzeigen und verwerfen, was ihm die Verwerfung zu verdienen schien, sondern auch bessere und reinere Auslegungen der nationalen Religion zu Tage fördern. ... Es wäre schwer, Be- *) Und warum nicht, warum konnten die aus dem Volke entsprungenen Propheten im Namen der Religion die Macht der geborenen Könige und Priester beschränken und zurückweisen? Diese Frage hätte sich Herr Mill vorlegen müssen und dann wäre ihm die rechte Antwort nicht entgangen: weil eben die Religion Israels und ihre Institutionen nicht blos „die Ordnung, die industrielle Thätigkeit und das nationale Leben", sondern auch die Principien der Freiheit, einer gesetzmäßigen Freiheit enthielten, und somit, wer im Namen dieser Religion auftrat, auch für die vom Gesetze constituirte Freiheit austrat. Was im israelitischen Volke daher an Treue und Eifer für die Religion lebte, das beseelte es zugleich für die gesetzmäßige Freiheit. Die Redaction.

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