Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-29 · Heft 49 (29.11.1864) · p. Seite 759

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 49 (29.11.1864)
Date
1864-11-29
Page
Seite 759 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226468--22623-3259906
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

759 Gott regiert durch sich selbst. Er war es,, der sein Gesetz den Hebräern gegeben; Moses ist, es ist wahr, der Vermittler zwischen dem Ewigen und dem Volke gewesen; aber das Volk hat dem großen Schauspiel der Offenbarung des Gesetzes beigewohnt; es hat es außerdem frei angenommen und in dem Bunde, der zwischen dem Ewigen und der Familie Jakobs geschlossen wurde, war Moses, wenn man mir diesen Ausdruck erlauben will, nur der öffentliche Beamte, der den Vertrag vorgelegt hat. Man muß hinzufügen, daß er selbst außerhalb der Priesterkaste blieb, und endlich, daß die Sorge, die Gesetzgebung zu erhalten, zu amendiren und ausführen zu lassen, den Priestern nicht anvertraut wurde."*) „Möchten die gelehrten Männer, welche die mosaische Theokratie also charakterisiren, ihren Gedanken festhalten und die ganze Tragweite der Thatsache, welche sie so gut. verstehen, ermessen. Es ist eine in der Weltgeschichte einzige Thatsache. Die Idee Gottes ist bei allen Völkern die Quelle der Religionen; aber überall anderswo als bei den Hebräern ist die Quelle kaum zu Tage getreten, als sie sich abwendet und trübt; die Menschen nehmen die Stelle Gottes ein; sein Name dient, alle Arten von Usurpationen und Lügen zu decken; bald bemächtigen sich priesterliche Körperschaften der ganzen bürgerlichen und religiösen Regierung der Völker; bald beherrschen und unterwerfen sich weltliche Mächte den religiösen Glauben und das religiöse Leben. Nichts Aehnliches in dem mosaischen Regime; sein Ursprung und seine Grundprincipien verurtheilen und bekämpfen im voraus solche Abwege. Keine regierende Priesterherrschaft. Keine unterdrückende weltliche Macht. Gott ist beständig gegenwärtig und allein Herr. Alles geht zwischen Gott und dem Volke vor durch die Zwischenkunst eines einzigen Menschen, den Gott inspirirt, an welchen das Volk glaubt und . der keine andere Autorität verlangt als die der Offenbarungen, die er empfängt. Es ist dies keine menschliche Thatsache, sowie der Gott der Bibel ist der wahre Gott, so ist die Religion, welche vom Sinai durch Moses zu dem von Gott erwählten Volke kommt, die wahre Religion, bestimmt, die Religion des Menschengeschlechtes zu werden." — Soweit Guizot über Moses. Wir hätten gewünscht, daß Guizot auch zu dem Verständniß gekommen wäre, auszusprechen, daß, wenn Gott als der wahre Regierer *) Etudes criliques sur la Bible — Ancien Testament pag. 172. proclamirt und von jeder bestimmten politischen Verfassung im mosaischen Gesetze abgesehen worden, die es den Verhältnissen und der Entwickelung überließ, dieses Gesetz doch zugleich die ewigen Grundprincipien der Gesellschaft und des Staates wie die persönliche Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetze, das Gesetz der Entwickelung mit allen ihren Consequenzen festgestellt hat, Principien, die unmittelbar auS dem Grundsätze der göttlichen Regierung flössen. Erst hierdurch wäre sein Gemälde und seine Charakteristik vollständig und gerecht geworden. Wir können betreffs einer ausführlichen Darstellung dessen auf den unter der Presse befindlichen dritten Theil unserer „Israelitischen Religionslehre" verweisen. Nur eines wollen wir bemerken. Gerade die Ideen, welche Guizot hier ausspricht, wurden von der jüdischen Homiletik mit ihrem Aufschwünge seit drei bis vier Jahrzehnten mit Begeisterung verkündet, und man beurtheilte sie damals oft als einseitig und phantastisch. Wir sehen sie jetzt aber immer mehr, wenn auch noch bedingt, von den kältesten Deukern und Forschern angenommen. So bricht sich die Wahrheit allmählich ihre Bahn. Aber auch dies wollen wir hervorheben, daß durch das richtige Verständniß namentlich des mosaischen Priesterthums und der sogenannten theokratischen Verfassung das lebhafteste Zeugniß für die Authenticität des Pentateuchs und gegen die immer wiederholte Hypothese, daß derselbe aus Priester- Händen hervorgegangen, oder doch von solchen umgearbeitet worden, abgelegt wird. Guizot fügt noch zwei Capitel „Gott und die Könige" und „Gott und die Propheten" hinzu. Aber wir begegnen hier weniger einer besonders hervorzuhebenden Behandlung des Gegenstandes. Die Betrachtungen Guizot's über das Verhalten der Richter und Könige zur Religion Mosis und den Kampf der Propheten für dieselbe sind trefflich, aber gehen nicht über das Be- und Anerkannte hinaus. Ja, seine Charakterisirung der Propheten scheint uns allzusehr nur bei deren äußerlicher Stellung, die freilich der bedeutsamsten und herrlichsten Momente genug besitzt, stehen zu bleiben und die innere Gedankenwelt derselben nicht zu berühren. Wir heben daher nur einige Sätze hervor. Er beschließt das Capitel über die Könige mit den Worten: „Was wurde wohl in diesem Verfall aus dem, Moses auf dem Sinai geoffenbarten Gesetze? War es bestimmt, mit der Monarchie Salomons zu fallen oder mitten in den Kämpfen und Mißgeschicken Judas und Israels zu verkümmern und unterzugehen? Ganz im Gegentheil: der religiöse Glaube und das Gesetz der 49 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.