Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 48 (22.11.1864)
- Date
- 1864-11-22
- Page
- Seite 753 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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den 10. Juni datirt und Sonnabend Abend, den 11. Juni verließ ich also die Hauptstadt. Zum erstenmale unternahm ich eine große Reise, besonders zu jener Zeit, wo es noch keine Eisenbahnen gab. Bis zu diesem Augenblicke waren die Promenaden von Wien nach Preßburg (eine Entfernung von zwanzig Meilen) meine einzigen Ausflüge gewesen. Ich passirte das ganze Becken der Donau, das Kloster Melk, welches so malerisch liegt, Linz und Salzburg (in allen diesen Orten durfte kein Jude übernachten). Eine halbe Meile von Salzburg verließ ich Oesterreich. Ich hatte in Wien warme Freunde, ergebene Herzen zurückgelassen; aber die Regierung jener Zeit flößte mir den größten Widerwillen ein. Ich kam nach Baiern und verbrachte den ersten Samstag in München. Während der wenigen Tage, die ich mich dort aufhielt, hörte ich die philosophischen Vorlesungen von Schelling und über die Sanskritsprache von Herrn Frank. Die Synagoge, in der Herr Rabbiner Aub functionirte, der noch heute dort amtirt, hatte schon einen geregelten Cultus, einen wohlunterrichteten Vorbeier und gute Chöre. Bon Wien kommend, wo Mannheimer als Prediger und Sultzer als Chasan die Bewunderung aller derer, welche sie hörten, erregten, überraschte mich dies nicht. Nichtsdestoweniger war ich sehr zufrieden und glücklich. Augsburg, Stuttgart, Heidelberg und Frankfurt waren meine Stationen. In letzterer Stadt hatte ich das Glück, mit dem verstorbenen Baron Salomon von Rothschild zusammenzutreffen, welcher in seine Vaterstadt gekommen war, um der Hochzeit des Barons Lionel v. Rothschild aus London, jetzigen Mitglied des englischen Parlaments, beizuwohnen. Dieser wohlwollende Beschützer hatte die Güte, mich sogleich zu seiner Tochter, der Frau Baronin James von Rothschild, zu führen und machte sie mit meinen schwachen Verdiensten in zu schmeichelhafter Weise bekannt. Diese edle Dame ließ sogleich ihre damals einjährige Tochter rufen und forderte mich auf, ihr nach ihrer Rückkehr nach Paris Unterricht zu geben. Mit einem Wohlwollen, das bis auf den heutigen Tag noch ganz dasselbe geblieben ist, hatte sie die Güte, mir einen Brief an einen ihrer Freunde, den verstorbenen Herrn Berger, zu geben, der mich bei meiner Ankunft mit wahrhaft französischer Höflichkeit aufnahm. Der Tod des Barons Nathan von Rothschild, welcher in Frankfurt stattfand, hielt die übrigen Glieder der Familie von Rothschild länger in dieser Stadt zurück, als sie es geglaubt hatten. Frankfurt selbst bot zu jener Zeit, in Betreff der Juden, einen sehr traurigen Anblick dar. Die alte Synagoge war zerrüttet und der Cultus ohne Ordnung und Regelung. Die Jugend besuchte in einem Saale, dessen Rückseite an die Schule lehnte, einen Gottesdienst, der vom jüdischen nur den Namen hatte, einen Gottesdienst ohne Thora und ohne Gebete. So jung ich auch war, wollte ich doch keinen Samstag dort verbringen. Unter den jüdischen Gelehrten, welche damals in Frankfurt lebten, hat der selige Michel Creuznach, Professor an der Schule, ein Mann voller Talente, einen sehr angenehmen Eindruck in meiner Erinnerung zurückgelassen. Während der eine mir rieth, mich taufen zu lassen, um zu etwas zu gelangen, und ein anderer sich rühmte, am Jom Kippur nicht zu fasten, rief er, erzürnt über die Art und Weise, mit der man mit einem jungen Manne voll Eifers und Glaubens sprach, aus: „Ich, ich faste!" Es war damals keine Spaltung in Frankfurt, wohl aber eine Gleichgiltigkeit und eine Religionslosigkeit, welche in mir ein Gefühl des Abscheues zurückgelassen haben. Ich reiste also am Freitag Nachmittag nach Wiesbaden, wo der junge Di*. Geiger, jetziger Rabbiner in Frankfurt, als Rabbiner fungirte, um dort den Sabbath zu verbringen. Anzeigen. Zum 1. Januar 1865 wird die hiesige Religions¬ und Elementarlehrerstelle mit einem fixen Gehalte von 300 Thlr. vacant. Außerdem beabsichtigen wir zum 1. April 1865 einen Cautor und Schächter, der &mp bra ist und einen Chor zu leiten versteht, mit einem fixen Gehalte von 300 Thlr. anzustellen. Bewerber wollen ihre Qualisicationspapiere au den Unterzeichneten portofrei einsenden. Reisekosten werden nicht erstattet. Zülz, im November 1864. Der Vorstand der Svnaaoaen-Gemeinde. A. Forell. Die hiesige Cantor- und Schächterstelle soll sofort oder später anderweitig besetzt werden. Das Einkommen beträgt mindestens 400 Thlr. Bedingung sind musikalische Kenntnisse, um einen Chor leiten zu können. Oualificirte Bewerber, mit guten Attesten versehen, wollen sich zur Probe melden. Reisekosten werden nicht vergütigt. Schwedt a/O., den 3. November 1864. Der Vorstand der SMagogm-Semeinde.