Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 48 (22.11.1864)
- Date
- 1864-11-22
- Page
- Seite 750 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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750 anstellen werde. Dieser Tage gelangte nun, wie dem „Tagesboten a. B." geschrieben wird, an die hiesige Cultus-Gemeinde die Aufforderung der Behörde, sich mit möglichster Beschleunigung darüber zu äußern, ob der Talmud ein kanonisches Buch sei. Die Herren Jellinek, Mannheimer, Horowitz sollen mit Abfassung des betreffenden Gutachtens von der Cultus-Gemeinde betraut worden sein. Wien, im November. (Privatmitth.) Die gegen die „Kirchen-Zeitung" eingeleitete Untersuchung wegen Beleidigung gegen den jüdischen Glauben ist noch nicht beendet und soll die Ursache darin liegen, daß die Staatsanwaltschaft hinsichtlich der angeführten Talmudstellen sowohl von der orientalischen Akademie als auch von den Vertretern der israelit. CultuS-Gemeinde Gutachten verlangt, vr. Jellinek benutzte die Kanzel am vergangenen Hüttenfeste, um gegen die neuesten Ausfälle der „Kirchen-Zeitung" wie gegen die Eisenmengeriaden überhaupt ins Feld zu ziehen. Seine beiden trefflichen Reden erscheinen jetzt im Drucke unter dem Titel „Der Talmud" und als schönster Beweis der Wirksamkeit seiner Worte mag genannt werden, daß gleich nach dem Feste dem Redner von Herrn Moritz Pollak, „infolge der Begeisterung, die in ihm durch die Predigten für den Talmud entflammt", 100 fl. mit dem Bedeuten eingehändigt wurden, solche an arme Talmud gelehrte zu vertheilen. Die Herren werden sich jetzt bei der „Kirchen-Zeitung" bedanken können. Daß doch immer die Flüche der llileams in Segen verwandelt werden! Lemberg, im November. Der römisch-katholische Erzbischof von Lemberg hat neuerdings, wie der Botsch. mittheilt, eine Currende an den ihm untergebenen Klerus gerichtet, in welcher demselben verboten wird, Ruthenen von einigen Sünden, welche in ihrem Ritus als besonders schwer betrachtet werden, zu absolviren. Unter diese gehört, wie es in der anti-ciceronischen Sprache der Currende heißt: „Famulitas annua apiul Judaeos“, zu deutsch: der Dienst durch ein Jahr bei einem Juden. (Es ist hier wieder die Frage, was mächtiger ist: das Leben oder die Absolution!) Teplitz, 12. November. Die „Presse" berichtet: Man schreibt uns aus Teplitz: Ein junges israelitisches Mädchen ging dieser Tage über den Schloßplatz, als sie plötzlich eine Schlinge an ihrem Halse fühlte, die ein erwachsener Bursche mit seltenem Geschicke nach ihr geworfen und zugezogen hatte. Er schleppte das erschrockene Kind in ein Haus, wo eine Menge Jungen es mit Halloh empfingen und dann mit Nadelstichen so lange quälten, bis es bewußtlos zusammensank. Der Hilferuf des Mädchens wurde von dem fortwährenden Geschrei der hoffnungsvollen Jugend: „Wie Judas unserem Heiland, so wir Dir!" übertäubt. Dem bübischen Streiche konnte erst spät ein Ende gemacht werden. Tunis. Paris, 11. November. Der Temps enthält traurige Nachrichten aus Tunis. Die gräulichen Scenen, die in Nabal und Sfax stattgefunden, haben sich auf der Insel Gerbh erneuert. Die Araberstämme der Akara und der Urghamma haben nämlich das Judenviertel dieser Insel überfallen und dort alles vernichtet, nachdem ihre Angriffe auf die Märkte von den Muselmännern zurückgeschlagen worden waren. Es war am 10. October, als die Araber in den Tempel eindrangen und denselben entheiligten. Sie zerrissen die Gesetzesrollen, traten die Männer mit Füßen, verwundeten sie und schändeten die Frauen und Mädchen. Der Gouverneur der Insel ließ die Araber ruhig gewähren und verweigerte militärische Hilfe. Das Rauben dauerte fünf Tage und fünf Nächte. Der französische Agent von Gerbh war der einzige, der den Unglücklichen ein Asyl anbot. In ganz Tunis herrscht natürlich die größte Aufregung. Kein Europäer glaubt sich mehr sicher. (Man sieht, daß aus diesen Barbaresken nicht eher etwas wird, als bis europäische Fahnen dort wehen!) Holland. Rotterdam, im November. (Privatmitth.) Religiosität ist subjectiv so verschieden und so schwankend wie etwa der Geschmack, so daß man beinahe auch von ihr sagen muß: „non est dispnlandum.“ — Zu dieser Behauptung kommt man besonders, wenn man im Leben in dieser Beziehung Curiosa erfährt wie die folgenden, die ich selbst erlebt habe. In A. ging am reti ein getaufter Jude mit einer brennenden Tabakspfeife im Munde durch eine Judengasse; ein religionseifriger Jsraelite, der dieses nicht mit kaltem Blute an-