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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-15 · Heft 47 (15.11.1864) · p. Seite 737

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 47 (15.11.1864)
Date
1864-11-15
Page
Seite 737 (sequence 13)
Language
German
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. 737 Wien bleiben, wenn ich einer Faeultät angehörte, und ich studirle die orientalischen Sprachen, was einem Juden nicht erlaubt war. Indem ich täglich in dieser prächtigen Büchersammlung arbeitete, hatte ich neben mir einen Mann von fünfzig Jahren, welcher sah, welche Mühe ich mir gab, um das Arabische und das Syrische zu studiren, allein, aber mit Hilfe der Bücher und Dietionäre. Er faßte ein gewisses Interesse für mich, lud mich ein, ihwzu besuchen, und zeigte mir, wie man schneller vorwärts kommen und mehr Fortschritte machen könne. Dieser brave und würdige Mann war der Professor Wenrich, von der protestantischen Facultät, ein bekannter Orientalist, dessen Arbeiten über die Geschichte des Korans, über die Geschichte der Araber in Sicilien, über die arabischen Uebersetzuugen der griechischen Philosophen nacheinander den Preis der Akademie der Inschriften vom Institute von Frankreich erhalten hatten. Er war Professor im protestantischen Seminar, wo er Archäologie und die Geographie des heiligen Landes lehrte, aber er fand seine Schüler im Hebräischen und in der biblischen Exegese sehr unwissend; der Titularprofessor, ein Greis von beinahe achtzig Jahren, aus Siebenbürgen, konnte kaum hebräisch lesen. Er forderte mich auf, einen unentgeltlichen Cursus der hebräischen Sprache und der biblischein Exegese im protestantischen Seminar zu halten. Er gab sich viele Mühe, die Erlaubniß des protestantischen Consistoriums zu erhalten, solange ich kein Gehalt dafür beanspruchte, und der Titularprofessor war glücklich, sseinen Functionen enthoben zu sein, vorausgesetzt, daß er den Gehalt des Lehrstuhls beibehalten konnte. Welches Glück für mich! Kaum zwanzig Jahre alt, war ich außerordentlicher Professor vom November 1834 bis zum Mai 1836; und alle protestantischen Geistlichen, welche während dieser Zeit aus dem Seminar hervorgegangen sind und sich über ganz Oesterreich verbreitet haben, sind meine Schüler. Ich habe werthvolle Freundschaften unter diesen würdigen Pastoren behalten, die mir ihre Dankbarkeit durch ein Gefühl der wahrhaften Toleranz gegen meine Glaubensgenossen bezeugt haben. In dem Haufe und unter der Leitung des ausgezeichneten Herrn Wenrich studirle ich das Arabische, das Persische und Sanskrit. Dieser Orientalist empfahl mich in wärmster Weise dem Baron von Hammer, dem Verfasser der „Geschichte des ottomanischen Reiches", Mitglied des Instituts von Frankreich und Hofrath im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. Da er eine gelauste Jüdin geheirathet halte und in seinen Ansichten liberal war, liebte und beschützte er die Juden sehr. Seine ganze Bibliothek stand zu meiner Verfügung; sobald ich auf eine schwierige Stelle traf, erklärte er sie mir, erfreut über die schnellen Fortschritte, die ich machte. Als er mir eines Tages einige Stellen des Zamacliscliari, der Commentaren des Korans, welche ich in der Ausgabe von Maracci gefunden hatte, erklärte, sagte er zu mir: „Das ist nichts. Sie dürfen nicht in Wien vegetiren, gehen Sie nach Paris, dort gibt es einen besonderen Lehrstuhl in der Schule der orientalischen Sprachen, der von dem alten Sylvestre de Sach gegründet worden ist, meinem guten und ausgezeichneten Collegen, dem ich Sie empfehlen werde, wie auch dem Herrn Reinaud, dem BR bliothekar-Adjuncten. Dort können Sie auch das Persische im ColR'ge de France bei Hrn. Sylvestre de Sacy studiren. Sie haben dort Herrn Burnouf für Sanskrit und Herrn Quatremäre; gehen Sie dorthin, ich werde Ihnen an alle diese Herren Empfehlungsbriefe geben; ich werde mit dem Fürsten Metternich sprechen, damit er Sie unserm Gesandten, dem Grafen d'Appoui, welcher überdies aus Preßburg ist, empfehle, und ich werde mit dem Baron Salomon von Rothschild sprechen, damit er Ihnen die nöthigen Mittel zu dieser Reise gebe. Ich gebe Ihnen auch fünfzig Florins (125 Frcs.)." Wer war glücklicher als ich? Nach Paris gehen, ich, Abkömmling einer Familie, deren Haupt Frankreich im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts verlassen hatte (mein Urgroßvater, 1860 in Hüningen geboren, starb im Alter von 16 7 Jahre 1787 — die Grabschrift ist noch heute auf dem Friedhof von Preßburg zu lesen; von neuem 1836 wieder dorthin zurückkehren und einen andern Abraham ben Schimschon (er hatte ebenfalls den Namen Abraham ben Schimschon) Herstellen, eine andere Familie nach einer Abwesenheit von 160 Jahren! Ich träumte nicht. Ich theilte den Plan (es war im März 1836) Herrn Wenrich mit, der ihn in allen seinen Theilen billigte und mir ebenfalls Briefe an Hrn. Sylvestre de Sacy, dem beständigen Secretär der Akademie, und Herrn Grangerot de la Grange versprach. Meine guten Eltern waren betrübt, mich das Land verlassen zu sehen, hofften aber, mich später wieder zu sehen; alle meine Freunde billigten den Plan meiner Auswanderung, da sie wohl einsahen, daß für mich in Oesterreich nichts zu hoffen sei, und so verließ ich Wien am Samstag Abend, den 11. Juni 1836, begleitet von allen Schülern des protestantischen Seminars. Mein seliger Vater war nach

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