Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1864)
- Date
- 1864-11-15
- Page
- Seite 736 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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736 zum Vollführer einer Mission erwählt worden zu sein; die zweite, welche nur die Thatsachen berichtet und von sich selbst in der dritten Person oder ohne Nennung des. Namens spricht. Um sich diese Act Bescheidenheit zu erlauben, muß man Moses oder Julius Cäsar sein. Nach dieser kurzen Vorrede gehe ich gleich zu einigen Thatsachen über, welche mich betreffen und welche mich dahin gebracht haben, mich mit den heiligen Interessen des Judenthums, sei es im heiligen Lande, sei es im Orient, zu beschäftigen. Am Schluffe des nächsten Jom Kippur wird es 50 Jahre, daß ich von wenig wohlhabenden, aber ausrichtig frommen Eltern in Preßburg in Ungarn geboren wurde; schon früh suhlte ich eine besondere Zuneigung sowohl für Frankreich wie für den Orient. Meine Liebe für ersteres Land, das mein und auch dein Vaterland, mein lieber Sohn, geworden ist, erklärt sich leicht. Mein seliger Vater war in zweiter Linie, d. h. der Enkel des Rabbi Abraham aus dem Elsaß, eines französischen Emigranten, der unter Louis XIV. gezwungen worden war, Hüningen, eine alte jüdische Gemeinde, zu verlassen, deren jüdische Einwohner durch den Eroberer des Elsaß, der daraus einen Kriegsplatz machen wollte, vertrieben wurden. Mein Großvater (dessen Name ich trage) kam nach einer ziemlich langen Reise, während welcher er einige Zeit in Amsterdam verbrachte, in Preßburg in Ungarn an, welches Land sich immer gastfreundlich gegen unsere Glaubensgenossen gezeigt hatte. Dort verheirathete er sich und nach der Gewohnheit jener Zeit gab man ihm den Namen des Landes, aus dem er kam, Elsaß, welchen Namen mein seliger Vater, Rabbi Schimschon Elsaß, noch getragen hat, jedoch auch dabei den Namen Cohn beibehaltend, der, wie du weißt, mehr eine religiöse Würde als eine besondere Benennung bezeichnet. — Meine Liebe für Palästina und alles, was den Orient betrifft, ging aus der völlig religiösen Erziehung hervor, welche ich besonders von meiner frommen Mutter empfing, einer geborenen Reckendorf aus Trebitsch in Mähren, wo meine Großväter nacheinander Oberrabbiner der Provinz gewesen waren — Rosch Jeschibah, Rabbi Zeni Cha'im Rcckendorf, mein Großvater, und Rosch Medinah, Rabbi Beer Reckendorf, mein Urgroßvater. — Eine tiefe Erinnerung aus meiner ersten Jugend, als ich kaum sieben Jahre alt war, ist folgende. An einem Sabbath, im Sommer, war ich während des Abendgebetes (Miucha) im Tempel eingeschlafen; um diese Jahreszeit sagt man dieses Gebet um 4 Uhr des Nachmittags. Ich kam nicht nach Hause, meine arme Mutter suchte mich überall. Endlich beim Maaribgebet am Ausgang des Sabbaths, welches im Sommer um neun Uhr des Abends stattfindet, klopfte der Schammesch, der Synagogendiener, nach der alten überlieferten Sitte dreimal mit dem Schlüssel, ehe er die Synagoge öffnete, um die Todten fortgehen zu machen, welche, nach einer frommen Legende, ihre Gebete in der Zwischenzeit verrichten, und er trat, von meiner Mutter gefolgt, in die Synagoge. Ich war vor der heiligen Lade eingeschlafen, und als man mich fragte, ob ich keine Furcht gehabt hätte, antwortete ich: „Durchaus nicht, ich bin ja bei Gott gewesen." Meine arme Mutter, glücklich, mich wieder gefunden zu haben, sagte mir, daß ich nicht wieder im Tempel schlafen und mit den Todten bleiben sollte. — Zu zwölf Jahren begab ich mich nach Wien, wo ich von 1 826 bis 1834 die verschiedenen Classen des Lyeeums und der philosophischen Facultät in der Universität durchmachte; aber als ich mein achtzehntes Jahr erreicht hatte, handelte es sich darum, eine bestimmte Entscheidung zu treffen. Bis auf mich waren alle jungen Leute aus meiner Vaterstadt, welche die literarische Carriere beschritten, d. h. welche sich nicht dem Handel ergeben hatten, Aerzte geworden; überdies war dies die einzige Branche der Studien, die den Israeliten erlaubt war. Meinen Eltern zu Gefallen hätte auch ich diese Carriere verfolgt, aber es war mir unmöglich, einen todten Körper zu seciren. Mehrere Male war ich in das anatomische Theater gegangen und allemal empfand ich einen gewissen Widerwillen, eine vollständige Unmöglichkeit. Ich bat meine Ellern dringend, mich meinen Neigungen folgen zu lassen, und versicherte ihnen, daß ich dennoch einst etwas werden würde. Ich widmete mich also immer mehr dem Studium der orientalischen Sprachen. Es gab wohl in Wien eine orientalische Akademie, aber als Jude durfte ich sie nicht betreten. Ich setzte nun meine talmudischen Studien bei Herrn M. Horwitz, Rabbiner in Wien, und meine linguistischen und archäologischen Studien bei dem im vergangenen Jahre in Königsberg verstorbenen llr. Saalschütz, der Prediger und außerordentlicher Professor an der Universität war, fort und arbeitete den ganzen Tag in der kaiserlichen Bibliothek Wiens, da ich von der Policei die Erlaubniß erhalten hatte, noch ein Jahr in Wien zu bleiben, eine Erlaubniß, welche mir später auf ein Jahr verlängert wurde, denn, in Preßburg geboren, konnte ich, so lautete das humane Landesgesetz, nur in