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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-15 · Heft 47 (15.11.1864) · p. Seite 735

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 47 (15.11.1864)
Date
1864-11-15
Page
Seite 735 (sequence 11)
Language
German
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735 Lande denkt, ist nicht weniger beeinträchtigt. In denselben obenerwähnten Gouvernements wurde vor einigen Monaten erst zum Zwecke ihrer Russificirung die Veranstaltung getroffen, sämmtliche constscirte Domänengüter an Private zu veräußern und russischen Käufern hierbei besondere Vergünstigungen zu gewähren. Bei solchem Massenverkaufe mußte es dem Staatsschätze doch nur willkommen sein, die Anzahl der kauflustigen Concurrenten vermehrt zu sehen. Konnte man schon das Vorurtheil gegen die Juden nicht überwinden und wollte man sie nicht als Zuwachs des russischen Elements ansehen, so genügte es ja, sie den Ausländern gleichzustellen, ihnen die Vortheile nicht zu gewähren, welche den Russen versprochen wurden — und ihr massenhaftes Zuströmen wäre dann kaum zu besorgen gewesen. Oder doch? Dann muß es allerdings mit dem Eingehen der Russen auf die Absichten der Regierung in jenen Gegenden sehr schwach bestellt sein, und dann war die Maßregel der Russificirung Litthauens kein nationales Bedürfniß, also überflüssig. Es genügt dies wohl, um das nämliche Decret in seiner ganzen Verkehrtheit bloszulegen. Doch bleibt uns noch eine Bemerkung, die schon oft wiederholt, aber bei jedem Anlasse sich wieder aufdrängt: die ausschließliche Hinneigung des Juden zum „Handel" wird demselben fortwährend zum Vorwurfe gemacht, und kaum schickt er sich an, sich anderen Erwerbszweigen zuzuwenden, so tritt auch schon das Gesetz hemmend dazwischen. Wir möchten es als einen reinen Zufall betrachten, wenn fast zur gleichen Zeit, wo das hier erwähnte judenfeindliche Decret im Westen Rußlands erscheint, im Süden des Reiches in Kiew der General-Gouverneur Annenkow den sich unberechtigt daselbst aufhaltenden Juden befiehlt, binnen 3 Tagen die Stadt zu verlassen. Der Ausspruch: dura lex sed lex ist im vorhandenen Falle nicht anwendbar, in Rußland auch selten zur Anwendung gekommen. Die Gesetze für die Nichtprivilegirten waren allezeit von solch grausamer Härte, daß nur eine milde Anwendung dieselben erträglich machen konnte . . . Trotz dieser unerquicklichen Fälle wollen wir hoffen, der Fortschritt zum Besseren, der sich sonst in allen Zweigen der Gesetzgebung kundthut, werde der zahlreichen jüdischen Bevölkerung des Reiches seine wohlthätigen Folgen nicht lange vorenthalten, und dann mögen die Maßregeln der Generale Murawieff und Annenkow als einer jener Haltepunkte erscheinen, die zuweilen in der Geschichte des Fortschrittes eintreten, worauf dann regelmäßig ein schnelleres Vorschreiten wieder folgt." — Nordamerika. New-Jork, im September. Daß die rabbinische Casuistik sich auch nach Amerika verpflanzt hat, davon hatten wir jüngst ein eclatantes Beispiel. In Baltimore hatte eine Gemeinde zur Chanukalampe Gas statt des Wachses oder Oeles sich bedient. Der Fall wurde einem Herrn Jllowy, gegenwärtig Rabbiner in New-Orleans, vorgelegt und die Frage so gestellt: Ist das Gas aus religiösem Gesichtspunkte zu diesem Gebrauche angemessen? Die Antwort des Herrn Jüowh fiel verneinend aus. Correspondenz. Ziidische Briefe von Albert Cohn.*) i. Kaum von meiner sechsten Pilgerfahrt zurückgekehrt, forderst du mich, mein theurer Sohn, auf, in einer bestimmten Form die Resultate meiner verschiedenen Reisen in den Orient zu vereinigen. Die mündlichen Mittheilungen sind vergänglich und hinterlassen keine Spur; das Leben selbst ist kurz und verlangt unaufhörlich von uns, uns zu sammeln, um denen, die nach uns kommen, die Erfolge unserer Erfahrung zu hinterlassen, damit sie nicht nöthig haben, bei jedem neuen Unternehmen die mehr oder weniger fruchtbaren Versuche, welche ihre Vorfahren schon anstellten, noch einmal zu machen. Du hast Recht, und was ich bis heute nicht gethan habe, weil ich von einer gewissen Scheu zurückgehalten wurde, die es stets vorzieht, zu handeln und auszuführen, als davon, was Gott mir zu thun erlaubt hat, zu sprechen und besonders zu schreiben, das werde ich jetzt versuchen, meinem Gefühl väterlicher Liebe folgend. Ich werde genöthigt sein, ein wenig von mir zu sprechen, da ich kein anderes Mittel sehe, um wahrhaftig zu sein, und die Wahrheit ist, wie unsere Weisen sagen, das (Sieget Gottes. Es gibt übrigens zwei Arien der Bescheidenheit: die erste, welche allen Ruhm der Vorsehung zuschreibt und sich nur als das Werkzeug Gottes ansieht, glücklich *) Nach dem Novemberheft des llmvers isra&ite. 47**

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