Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1864)
- Date
- 1864-11-15
- Page
- Seite 730 (sequence 6)
- Language
- German
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730 gilligkeit beseitigen, Anhänglichkeit, Treue und Beeiferung wieder erwecken und die Feindseligkeit der Extremen überwinden. Wie viel hierin, obgleich wir erst am Anfang stehen, schon geschehen ist, erkennt der, welcher nicht blos an einzelnen Personen und Kreisen mit seinem Blicke hängt, sondern das große Ganze zu überschauen vermag. Gerade das Judenthum enthält trotz seiner ausgeprägten Besonderheit viele Momente, welche mit dem Geiste unserer Zeit zusammentreffen, und je kräftiger diese erfaßt werden, desto erreichbarer ist die Ausgleichung. Der Kampf ist also da. Ihn eingestehen ist besser als ihn ignoriren. Krisen bleiben nicht aus. Aber auch die Mittel und das Ziel sind vorhanden. Jene liegen in den ewigen Wahrheiten und dem dauernden Bedürfniß, die keine Zeit und keine Richtung, keine Entwickelung und kein Erfolg zu verdrängen vermögen; dieses, das Ziel, ist dem Judenthume von seinem Beginne an auf sein Panier und seine Standarte geschrieben. Daß aber dem Judenthume die rechten Geister zur rechten Zeit niemals fehlen werden, dafür stehen die Bürgschaften ein, welche uns die göttliche Vorsehung in unserer Geschichte gegeben hat. Nom. VI. Der „Patriola Caltolico“ von Bologna enthält Folgendes: „Am 29. Seuiptember wurde in der St. Stanislaus-Kapelle in Nom die Taufe an dem jüdischen Knaben Coen feierlich vollzogen. Der Cardinal Caggiano vollführte den Ritus: der Graf von Maistre, von der Familie des berühmten Grafen Joseph, war Pathe. Der Neugetaufte erhielt die Namen Stanislaus Maria Michael Joseph Pius Eugen. So kann nun dieses Kind ganz wie der kleine Mortara Gott anbeten und der Religion folgen, welchen er anbeten und der er folgen will nach seinem Gewissen. Auf diese Weise hat Pius IX. noch einmal gezeigt, daß die wahre Gewissensfreiheit, die Freiheit, die jeder hat, die Wahrheit zu lieben und die Befehle Gottes und der Kirche zu beobachten, keinen sicherere Schutz hat als zu Rom unter der Wacht des Stellvertreters von Jesus Christ." Bei diesen Worten fällt uns der Ausspruch Talleyrands ein: „Die Sprache ist da, um seine Gedanken zu verdecken!" Die „Gewissensfreiheit" ist dem „Kinde" Coen gesichert, er darf „anbeten, wen er will!" Die wahre „Gewissensfreiheit" hat ihre Zufluchtsstätte in Rom! Die „Befehle Gottes und der Kirche" sind identisch. Das Wort Talleyrarid's ist aber doch nur halb wahr; er hätte sagen müssen: die Sprache wird verwendet, um seine Gedanken zu verhüllen, aber sie verräth doch stets die Wahrheit. So ergeht es auch dem „Pair. catt.“ Er spricht vom „Kinde" Coen, vom „kleinen" Mortara — und damit Hai er seinen Phrasen von „wahrer Gewissensfreiheit" mit eigener Hand den Schleier abgerissen. Ein „Kind", ein „kleines Kind", entrissen den Armen seiner Familie, eingesperrt in die Katechnmenenanstalt, und — Gewissensfreiheit, Wahl, Wille! Das ist genug. Gewissensfreiheit in Rom — nun, die ganze Welt protestirt gegen diese Gewissensfreiheit. Nun, das Factum ist vorüber — aber triumphirt nicht — die Welt vergißt des Factums nicht! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hannover, 31. Oktober. (Privatmitth.) Die Vollendung der bei Nordstemmen gelegenen Marienburg, eines Schlosses, welches unser König seiner Gemahlin erbauen läßt und dessen Bau bisher von dem Baurath Haase geleitet wurde, ist dem Architekten Oppler hierselbst übertragen worden und soll nunmehr mit solcher Energie gebaut werden, daß bereits im nächsten Frühjahre der größte Theil der Burg bewohnt werden kann. Es ist dies ein Beweis, daß das Talent des jüdischen Künstlers sich bereits in den höchsten Zirkeln die wohlverdiente Anerkennung errungen hat. Kurze Zeit nachdem hier jüngst der neue israelit. Gottesacker eingeweiht worden war, fand auch die Einweihung eines neuen christlichen Kirchhofes durch den freisinnigen Senior Bödeker statt. Derselbe gedachte in seiner Rede des Friedhofes, den die hiesigen Juden unlängst eingeweiht hatten, und nannte diese in Gegenwart des hhperorthodopen Ober-Consistorialraths Dr. Uhlhorn seine Brüder. Was mochte wohl dieser, als er jene Worte hörte, dabei denken und waS wird gar erst der ultramontane Superintendent Sievers in Elze dazu sagen, wenn er jene Thatsache erfährt? Dem letz-