Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1864)
- Date
- 1864-11-15
- Page
- Seite 729 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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729 des Individuums aufsteigt, ein Umstand, der bei anderen Beschäftigungen bei weitem weniger der Fall ist. Außer dieser abziehenden Eigenschaft hat aber die Wissenschaft auch Elemente in sich, welche der Religion geradezu feindlich sind. Die inductive Methode der jetzigen Wissenschaft leitet die Geister dazu an, nichts gelten zu lassen, was ihnen nicht durch die Jnduction faß- und erweisbar erscheint, und macht sie zugleich so stolz und gesteift auf diese Methode und ihre Resultate, daß ihnen alles andere nichtig vorkommt. Es läßt sich erwarten, daß dies nicht immer so bleiben wird, sondern einmal wieder die Grenzen und Schranken, die auch dieser Methode gesetzt sind, ja die sie für den Geist enger aufstellt, als solche dem menschlichen Geiste gesetzt sind, erkannt werden. In der Gegenwart aber ist es so und wir finden gerade darum die Mehrzahl der wissenschaftlichen Männer gleichgiltig, ja abgeneigt für die Religion, weil diese allerdings über die inductive Methode hinausreicht. Ferner liefern einige Wissenschaften Resultate, welche gewissen Angaben und Auffassungen der bisherigen Theologie widersprechen, ohne daß die letztere ihr bisheriges Verständniß irgendwie aufgeben will. Eine Vermittelung ist bis jetzt noch wenig angestrebt worden, wird vielmehr von beiden Seiten noch immer zurückgewiesen, und da die Verwechslung der Religion und der Theologie noch immer allgemein ist, so widerstreben einander die Männer der Wissenschaft und der Theologie aufs heftigste. Endlich ist es rncht zu verkennen, daß insbesondere die Naturwissenschaften eine vorwiegende Richtung zum Materialismus genommen haben. Diese Erscheinung ist nicht neu in der Menfchenwelt und tritt nach der Erfahrung immer ein, wenn großartige Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht worden sind und die Forschung im Detail in die innersten Werkstätten der Natur eingeführt zu haben scheint. Demjenigen, welcher über den Details sich zu Hallen vermag, wird es immer klar sein, daß wir stets in den Außenkammern verbleiben und die Natur uns doch nur bis zu den eigentlichen Jncidenzpunkten kommen läßt, wo die Forschung die Fragestellung immer deutlicher macht, ohne jedoch die Antwort finden zu können. Diese Erkenntniß ist aber nicht die Sache aller, und darum verfallen so viele glückliche und sonst so geistreiche Forscher dem Materialismus. Wie nun das Leben und die Wissenschaft in der obengezeichneten Weise der Religion überhaupt und den positiven Religionen insbesondere großen Abbruch thun, so muß sich dies auch für das Judenthum fühlbar machen, und um so mehr, weil dieses seiner Natur und seinen Verhältnissen nach eine stärkere Bethätigung in Anspruch nehmen muß. Nach außen wie für die Erhaltung und Belebung seiner Institutionen bedarf es einer größeren Opferfähigkeit. Die Symptome dieser Umstände liegen in dem so oft beklagten Wachslhume des religiösen Jndifferentismus, der einerseits das religiöse Leben schwächt, andererseits manchen Individuen den Abfall von der Religion leicht macht, weil für diese in ihrem Herzen nichts mehr pulsirt. Darin ist daher der gegenwärtige Kampf um das Judenthum enthalten. Wenn wir hiermit aussprachen, daß dieser Kampf größere Schwierigkeiten für das Judenthum hat, so wollten wir doch nur sagen, daß diese in den äußeren Momenten als eine Religion der Minorität bestehen. Andererseits ist dieser Kampf dem Judenthume wieder leichter, weil die Vernunftmäßigkeit seiner Lehre und die ihm gegebene Freiheit, welche dem Individuum keinen Zwang auferlegt, der Richtung unserer Zeit lange nicht so schroff entgegentreten, wie es für die anderen Kirchen der Fall ist, und es sich daher viel leichter mit der Zeitströmung und ihren Resultaten ausgleichen kann, als es den anderen wird. Darum eben ist es ein glücklicher Umstand, daß gerade vor und mit dem Eintritt seiner Bekenner in das allgemeine Culturleben auch in seinem Innern eine neue Geistesentwickelung begann, welche eine neue Belebung seines Lehr- und Gedankeninhalts, eine wissenschaftliche Durcharbeitung seiner Geschichte und seines Inhalts, eine Umgestaltung seines Ceremonialwesens und eine frischere Auffassung seiner weltgeschichtlichen Mission begonnen unv somit für sich selbst den regsten Antheil an der Entwickelung und Richtung des modernen Geistes errungen hat. Fragen wir also schließlich, welche unsere Mittel in dem neueren Kampfe um das Judenthum sind: so liegen sie nicht in einem feindseligen Auftreten gegen das Leben und die Wissenschaft, nicht in der Forderung einer „Umkehr" des Lebens und der Wissenschaft, sondern darin, daß wir den lebendigen und schöpferischen Geist des Judenthums zu einer neuen Entfaltung bringen uno vermittelst seiner die Ausgleichung und Versöhnung mit dem Leben und der Wissenschaft anstreben. Je reicher wir den Inhalt des Judenthums entwickeln, die Schätze der Vergangenheit ans Tageslicht heben, die Fülle des modernen Geistes aus Leben und Wissenschaft für das Judenthum verwenden, das Veraltete und Mißbräuchliche beseitigen und das Judenthum in Wesen und Form klären: desto leichter werden wir Lauigkeit und Gleich-