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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-15 · Heft 47 (15.11.1864) · p. Seite 728

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 47 (15.11.1864)
Date
1864-11-15
Page
Seite 728 (sequence 4)
Language
German
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?28 Wirkungen, welche das allgemeine Leben und die Wissenschaft auf die positiven Religionen überhaupt üben, treffen auch auf das Judenthum. Aber indem dieses zugleich die Religion einer Minorität ist, darum an und für sich schon einer besondern Kraft und Stärke bedarf, um dem allgemeinen Strome widerstehen zu können, wird eS von jenen Einflüssen noch stärker betroffen. Machen wir uns dies noch deutlicher. Das Menschengeschlecht ist bei einer Zeitperiode und auf einer Entwickelungsstufe angelangt, wo eS vorzugsweise auf eine Entwickelung zu einer Allgemeinheit hinstrebt. So wenig wie jemals die Individualität der Menschen aufhören wird, jemals diese ihre Geltung aufgeben kann: ebenso wenig wird auch die Besonderheit in allen einzelnen Erscheinungen, welche zusammen das menschliche Leben ausmachen, aufhören und ihr besonderes Leben entbehren wollen und können. Gerade darum findet sich in den verschiedenen Geschichtsepochen nacheinander ein Schwanken der Menschheit zwischen der vorzugsweisen Entwickelung alles besondern und des allgemeinen Lebens. Wenn sich im Alterthume die frischen Nationalitäten in den gesondertsten Anlagen, Richtungen und Sphären aufs kräftigste entwickelten, so trat doch zuerst mit der durch Alexander den Macedonier begründeten Herrschaft der Griechen und dann mit der wachsenden Erweiterung der Römerherrschast ein Streben nach einer Allgemeinheit des menfchheitlichen Lebend ein, in welche alle besonderen Erscheinungen des Alterthums aufgingen. Dahingegen entfaltete sich auf dem neuen Boden der durch die Völkerwanderung ausgebreiteten frischen Völkerfamilien ein Leben der Besonderheiten, wie es stärker noch nicht dagewesen, so daß nicht allein die Nationen, sondern innerhalb derselben die verschiedenen Stände bis zu den einzelnsten Gewerben herab ein besonderes corporatives Leben sich herstellten. Diesen gegenüber erhielten nur die Kirche, die politischen Verhältnisse und endlich mit dem Wiedererwachen der Wissenschaften diese das allgemeine Leben noch aufrecht. Bon hier aus aber eröffnete sich mit dem 15. Jahrhundert eine neue Richtung, welche, dem starken und überwuchernden Leben der Besonderheiten gegenüber, die Menschheit in noch nicht dagewesenem Maße in das allgemeine Leben hineinführte und drängte. Die großen Bewegungen der Geister, die wachsende Ausdehnung der politischen Verhältnisse, gewaltige Erfindungen und Entdeckungen, eine neue Entfaltung des industriellen Lebens und der Druck, welchen die ab sterbenden Institutionen jenes Sonderlebens übten, vereinigten sich, um den letzteren den Krieg zu erklären, sie im Laufe der Zeiten immer mehr zu zersetzen und aufzulösen und ein überwiegend allgemeines Leben zu schaffen. Auf allen Gebieten hörte das gesonderte und durch geschriebene oder ungeschriebene Privilegien geschützte corporative und abgeschlossene Dasein auf, und das politische, industrielle und wissenschaftliche Leben nahm nach allen Seiten hin einen so ungeheuren Aufschwung an, daß alle diejenigen davor untergehen mußten, welche ihren besondern Standpunkt festhalten wollten. Das Streben, bewußtes und unbewußtes, geht vielmehr dahin, daß jede Besonderheit nur diejenige Geltung und denjenigen Bestand behalten solle, welche sie nach ihrem Innern Werthe, nach dem Bedürfniß und der Nothwendigkeit besitzt. — Aus dieser vorherrschenden Richtung ergab es sich, daß sowohl jedes einzelne Gebiet so außerordentlich angebaut wird, daß es alle Geisteskräfte des Individuums für sich concentrirt und beansprucht, als auch die Strömung des Geistes immer nach dem Allgemeinen, Kosmopolitischen gewendet ist. Das politische, industrielle und wissenschaftliche Leben occupiren den Fachmann fast ganz und werfen wiederum große Elemente in das Leben aller. Hierdurch werden aber die Geister wie von der Einkehr in sich selbst überhaupt, so vom Religiösen überaus abgezogen; die Aufmerksamkeit ist vorzugsweise aus jene Felder der Thätigkeit gerichtet und läßt dem innerlichen und dem religiösen Wesen wenig Raum; mit der großen extensiven Spannung hat die Seele an der intensiven Spannung verloren, und so vereinigt sich die Richtung ins Allgemeine, welche den besonderen Erscheinungen keinen Raum gönnen will und ihnen ihr Dasein bestreitet, mit der Mächtigkeit des Aufschwunges und der Entfaltung auf den einzelnen Gebieten, um dem religiösen Leben den vielfältigsten Eintrag zu thun. Dies sind die zerstreuenden und zersetzenden Wirkungen des Lebens, von denen so oft gesprochen wird, ohne daß man sich deutlich macht, worin sie eigentlich bestehen. Dasselbe gilt also auch von der Wissenschaft. Auch sie fesselt, gleich z. B. der Industrie, und beschäftigt den Geist des Individuums so sehr, daß er für anderes wenig Raum mehr hat. Welchen einzelnen Zweig jener der Einzelne auch erwählt hat, er gehört ihm und muß ihm so sehr angehören, daß alle Thätigkeit und alles Interesse des Geistes darin absorbirt werden. In der Wissenschaft kommt aber noch ein anderes hinzu; daß sie nämlich in ihren Resultaten so viel Befriedigendes bietet, daß das Bedürfniß nach anderem wenig in der Seele

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