Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1864)
- Date
- 1864-11-15
- Page
- Seite 727 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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72t durch die Bedrückungen und Ausschließungen, denen sie die Juden anderthalb Jahrtausende hindurch unterwarfen. Darum waren alle Verlockungen und Belohnungen durch den auf den Uebertritt gesetzten Preis völlig unwirksam und die Beispiele der Würden und Ehren, welche getaufte Juden erhielten, fanden nur Abweisung und höchst geringe Nachfolge. Erst dann hatten Beschränkungen einigen Erfolg bei einer Zahl Individuen, wenn die sonstige bürgerliche und geistige Ausschließung aufgehört hatte, wenn die Juden am geistigen und öffentlichen Leben einen freien und vollen Antheil hatten, ihnen aber alle öffentlichen und höheren Lebensberufe verschlossen blieben. Da konnte, um eine Wirksamkeit und gute bürgerliche Existenz zu erlangen, mancher Jude sich nicht enthalten, den Schlüssel zur verschlossenen Pforte in die Hand zu nehmen und sich so den Eingang zu öffnen. Es geschah dies in der arabischen und spanischen Periode wie in der Gegenwart. So schmerzlich dies auch war, konnte es auf das Judenthum iw ganzen keinen wesentlichen Einfluß üben. Wenn aber Gewalt und Druck immerhin mehr oder weniger eine Anzahl Individuen vom Judenthume losrissen, so war das dritte Mittel der Ueberredung und Ueberzeugung noch viel unwirksamer. Es liegt dies in dem Wesen der Religionen selbst. Wir polemisiren hier nicht, sondern geben die Thatsachen, wie sie sich unzweifelhaft herausgestellt. Das Judenthum ist eine positive Religion mit festgestalteter, geschichtlicher und concreter Erscheinung. Ja, ihr geschichtlicher und concreter Boden ist ein weit älterer und in freier Entwickelung gewordener aus dem eigensten Geiste heraus. Sie bietet also ihrem Bekenner alle die Vortheile und Vorzüge, welche in einer positiven Religion liegen, alle die Reize und Mittel, die den Menschen an eine solche fesseln. Auf diesem Boden aber erhebt sich im Judenthum eine Lehre, welche dem Verstände nicht widerspricht und mit der das Herz sich in Uebereinstimmung fühlt; weder die Folgerungen der Vernunft noch die Gefühle des Herzens treten mit ihr auf dem Grunde der Gottgläubigkeil in Widerstreit. Anders verhält es sich im Christenthume, wo die Lehre wesentlich in Mysterien besteht, welche dem Verstände widerstreben und daher das volle unbedingte Glauben in Anspruch nehmen müssen. Dem geborenen Christen, der in seiner Religion erzogen worden ist, mag dies keine Schwierigkeiten machen, für den Bekenner des Judenthums aber ist es ein Hiuderniß, das zu überwinden oder zu beseitigen eine ganz eigenthümliche und gewiß seltene Geistesstimmung und Geistesrichtung erfordert. Wie soll sich der Jude von der älteren zu der jüngeren Religion wenden, wenn er dabei alle seine gewohnte Geistesthätigkeit ändern, aufgeben und gefangen geben soll? wenn er das, was ihm die Lehre seiner Religion in Uebereinstimmung mit seinem Verstände und Herzen eingeprägt hat, gegen ein anderes vertauschen soll, was damit in gänzlichem Widerspruch steht und wozu er eines Geistesmomentes bedürfte, das ihm bis jetzt fremd war? Missionäre, Predigten und Schriften hatten daher bei den Juden ein Minimum von Wirkung, noch dazu, wenn sich zu jenen keine anderen Motive gesellten. Es ist dies eine von der christlichen Welt selbst jetzt so anerkannte Thatsache, daß wir nicht weiter dabei zu verweilen brauchen und daß es jetzt wohl nur noch verblendete Fanatiker sind, welche den Juden die früher so beliebte „Hartnäckigkeit" vorwerfen, während es ganz in der Sache selbst lag, daß der Erfolg kein anderer sein konnte. Dies waren die bisherigen Kämpfe um das Judenthum. Sie wurden mit einer Energie und Ausdauer seitens der Juden bestanden, denen der Erfolg nicht ausblieb. Nun ist zwar die Anwendung der Gewalt und des Druckes gegen das Judenthum noch nicht ganz geschwunden; aber die erstere ist selten, nur local und gegen einzelne Individuen gerichtet, und der zweite weicht den Forderungen der Gerechtigkeit und der Bildung der Zeit immer mehr. Wir haben daher nach diesen Richtungen hin noch immer zu kämpfen und eine sorgfältige Wacht zu üben, aber wir sehen doch den Fortschritt Tag für Tag und ihr allmähliches Verschwinden eröffnet uns die Aussicht auf ein gänzliches Aufhören. Darum aber hat der Kampf selbst noch nicht aufgehört, sondern der Schauplatz und die Mittel sind nur verändert. Der Kampf ist wieder weniger gegen directe Angriffe von außen gewendet, als er sich vielmehr durch Elemente von außen im Schoße der Bekenner des Judenthums abspielt. Denn nicht mehr geht die Offensive von den anderen bestehenden Religionen und Kirchen aus, als vielmehr vom Leben und von der Wissenschaft. Die Juden sind mit der ihnen gewordenen Freiheit aus ihrem früher enggeschloffenen Kreise herausgetreten; sie sind in den allgemeinen Kreis des menschheitlichen Lebens eingegangen; sie nehmen nach ihrem Maße am großen, öffentlichen und allgemeinen Leben einen vollen Antheil. Der Einfluß in religiöser Beziehung hiervon ist für das Judenthum ein zwiefacher. Alle gegnerischen, ja feindseligen 47*