Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1864)
- Date
- 1864-11-08
- Page
- Seite 714 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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714 N o m. v. Wir haben, so lange diese Zeitung besteht, niemals gegen eine andere Religion, Confession oder Kirche polemisirt. Wir haben dann und wann vergleichende Untersuchungen angestellt, dabei aber niemals den objectiven, wissenschaftlichen, ruhigen Pfad verlassen. Selbst den schimpflichsten Verdächtigungen gegenüber, die oft von den reactionären und ultramontanen Blättern und Schriften gegen uns geschleudert wurden, haben wir eine gemessene Haltung beobachtet, wie sie einerseits im wahrhaft religiösen Geiste bedingt liegt, andererseits einer ecclesia pressa geziemt, die um aufregender Polemik willen nicht die höheren Zwecke außer Augen lassen darf, die sie zu erstreben hat. Da aber, wo offenbare Gewalt geübt wird, darf nicht geschwiegen werden, und die Thatsachen, die so schreienden Mißbrauch erweisen, müssen wir unverschleiert darlegen. Hierin werden wir unablässig fortfahren, bis es gelungen ist, dieser Gewalt Einhalt zu thun und sie unmöglich zu machen. Wir haben in Nr. 44 aus Warschau über die Einsperrung eines Judenmädchens in ein Nonnenkloster und deren Befreiung daraus berichtet. Jetzt wird hierüber anders gemeldet, nämlich: „In Betreff der auch von uns mitgetheilten Einsperrung eines Judenmädchens im Kloster der Felicianerinnen in Warschau zum Zwecke der zwangsweisen Bekehrung zur katholischen Religion bringt der officielle Dziennik die berichtigende Erklärung, daß die bereits erfolgte Freilassung des Mädchens nicht dem freien Willen der Klosterfrauen oder der Einwirkung von seiten der geistlichen Behörde zuzuschreiben sei, da im Äegentheile der Vater lange und vergebens den Aufenthalt seines Kindes zu erforschen gesucht und endlich sich an den Director der Commission des Innern, Fürsten Czerkaski, gewendet habe. Derselbe begab sich einige Tage darauf selbst in das Kloster der Felicianerinnen und äußerte sich über die ihm zugekommene Beschwerde. Der Wink blieb nicht unbeachtet, da die Klosterfrauen schon nach zwei Tagen dem Fürsten melden ließen, daß das Mädchen bereits in das Elternhaus zurückgekehrt sei. Gegenwärtig, fügt der Dziennik hinzu, werden noch zwei andere Mädchen gesucht, welche sich in gleicher Lage befinden". Wir müssen daher die dort von uns gemachte Bemerkung, daß die Geistlichkeit nach den örtlichen Umständen verfahre, widerrufen, da also der russischen Regierung, nicht aber der katholischen Geistlichkeit die Befreiung des Mädchens zu verdanken ist. Auch wir ersahen übrigens aus einem warschauer Privatbriefe, welche Anstrengungen es gekostet hat, den Aufenthaltsort des Mädchens zu erfahren und ihre Befreiung zu erwirken. Die „Italia“ veröffentlicht einen Brief aus Warschau, in dem gesagt wird, daß schon vor mehreren Jahren junge jüdische Mädchen eingefangen und ins Kloster gebracht worden, wo sie dann schließlich Nonnen wurden. Die jüdische Gemeinde hat bis jetzt dazu geschwiegen, weil nur Mädchen aus der untern Classe dieser Behandlung unterworfen waren. Aber vor drei Monaten wurde die Tochter eines reichen Israeliten in ein Kloster von Felicianerinnen gelockt und mit Gewalt dabehalten; der Vater beklagte sich bei dem Bischof, und jetzt, nach unzähligen Anstrengungen, hat er sein Kind wiederbekommen. Dieses sagt aus, daß beinahe noch ein Dutzend jüdische Mädchen in demselben Kloster seien. So berichten auch die Times.— Diese Indolenz macht freilich der warschauer Gemeinde keine Ehre, wenn sie nicht ihre Rechtfertigung in den Zeitumständen und der vorjährigen Zerrüttung aller Ordnung finden sollte. Man erinnere sich übrigens, welche Rolle die Klöster im vorigen Jahre gespielt haben. Die Bewohner derselben scheinen nun nicht ruhen zu können und verwenden daher ihre Mittel jetzt auf das Einfangen von Judenmädchen. Da waren doch die alten Römer noch andere Menschen, die haben doch die Sabinerinnen wenigstens am Hellen lichten Tage geraubt! — Spenden-Liste für die Rießer-Stiftung l) zur monumentalen Herausgabe der Schriften Rießer's, 2) zur Unterstützung solcher Israeliten, die Gerichtsassefforeir oder zu Gymnasial- und Universitäts- Lehrämtern befähigt, aber ihrer Religion wegen nicht angestellt sind. 1196) Herr I. Landeker für den Vorstand der Synagogen-Gemeindc in Thorn 1v Thlr. — Gesammtsumme: 2198 Thlr. 17 */2 Sgr. Die Redaktion.