Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1864)
- Date
- 1864-11-08
- Page
- Seite 713 (sequence 3)
- Language
- German
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118 Lösung drängten; aus der veränderten Geistesrichtung aber entsprang noch die Frage um die Beschaffenheit des Gottesdienstes, da dieser in den letzten Jahrhunderten dem Verfall und der Veraltung anheimgefallen waren. Dies sind die wesentlichen Fragen, welche die Gegenwart im Judenthume aufwarf und worüber Parteiung und Kämpfe nicht ausbleiben konnten. Während die ersteren mehr dem Individuum zur persönlichen Auffassung und Entscheidung gegeben waren, mußten die gottesdienstlichen Fragen die Gesammtheit berühren. Daß dies eine richtige Auffassung und Darstellung der wesentlichen Streitpunkte im Judenthume ist, geht aus der ganzen Geschichte derselben sowie aus den Resultaten, in welche zu den verschiedenen Zeiten die Parteiungen ausliefen, unzweideutig hervor. Bei den Pharisäern und Sadducäern, bei den Hilleliten und Schammaiten, bei den Karäern und Rabbaniten handelte es sich immer um die Verpflichtung zu den überlieferten Gesetzen oder eine selbständige Auslegung des gesetzlichen Theiles der h. Schrift. Darüber hinaus gingen sie alle nicht und weder die Lehre noch die allgemeinen Principien waren Objecte ihres Streites oder wurden von ihnen angelastet. Hier aber müssen wir eine Eigenthümlichkeit hervorheben, welche allerdings doch nur eine Consequenz dieses Verhältnisses ist. Wie diese ganze Streitfrage immer nur aus den wirklichen Lebensverhältniffen, aus deren Entwickelung und Conflicten hervorging, so kam es auch, daß das wirkliche Leben viel eher über sie entschied und sie allmählich zum Austrag brachte als die Theorie. Die theologische Theorie ließ sich immer erst auf diese Frage ein, wenn ihr gar nicht mehr aus dem Wege zu gehen war, und so kamen die theologischen Parteien immer erst zu Stande, wenn in der Masse selbst von einem großen Theile schon Entscheidung getroffen war. Dies konnte den Parteien ihre Heftigkeit, dem Kampf sein Feuer für einen gewissen Zeitraum nicht nehmen — aber die Ausgleichung war dann immer schon so weit vorgerückt, daß auch die Theorie doch bald zur Entscheidung und Ausgleichung kommen mußte und hiermit die Parteien verschwanden. Wie heftig auch der Streit der Sadducäer gegen die Pharisäer war und welche traurigen Folgen er für den Bestand der ganzen Nation hatte, so war doch das Volk schon langst auf Seiten der ersteren und die Parteien verschwanden so gänzlich, daß die Kunde von ihrer Existenz nur eine sehr dürftige geblieben. Wenn der kleine Bruchtheil der Karäer bestehen geblieben, so fand dies nur in der gänzlichen Entfernung von allen Lebensmittelpunkten des Judenthums seine Ursache. Wir unterschätzen nun die Bedeutung dieses Streitobjectes im Judenthume durchaus nicht. Wir sagen nicht, daß es sich hier blos um Formen handle und daß der Streit nur um die formale Seite des Judenthums sich drehe. Vielmehr haben wir ja hervorgehoben, daß es ein wesentliches Characteristicum des Judenthums ist, sich auf die Jahre und die Principien nicht zu beschränken, sondern die concrete Verkörperung im Leben zu fördern. Der Streit hat daher in der Tiefe auch die Bedeutung, ob wiederum ein Theil dieser Principien seine Verkörperung verlieren und die Natur abstrakter Principien annehmen dürfe. Dewungeachtet liegt es in der Natur der Sache, wie wir sie oben geschildert, daß die Kämpfe im Judenthume, da sie die Lehrsätze und Principien an sich durchaus nicht berühren, da sie durch das Leben mehr als durch die Theorie zur Entscheidung gebracht werden, daher viel mehr den Individuen als der Gesammtheit zufallen, daß sie daher den eigentlichen Bestand des Judenthums nicht antasten und die Zerspaltung viel weniger Hervorrufen und den Frieden in der Gesammtheit, der von der Freiheit des Individuums, von der Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden und von der Lage und Entwickelung der Gesammtheit getragen wird, auf die Länge nicht erschüttern können. Mag daher in den einzelnen großen Länderstrichen die eine oder die andere Richtung im Judenthume die Oberhand haben, mögen in einzelnen Gegenden und Orten die Altorthodoxen, die Neuorthodoxen und die gemäßigten und die radicalen Reformer sich um den Einstuß in Gemeinde, Synagoge und Schule bekämpfen, mögen endlich in der Literatur diese verschiedenen Richtungen ihren lauteren oder stilleren, ihren gründlicheren oder oberflächlicheren Ausdruck finden: in der Consequenz der Geschichte und Entwickelung werden sie ihre Ausgleichung finden, ohne das Judenthum wesentlich zu erschüttern. Dies betrifft die Kämpfe im Judenthume, wobei wir ebenso objectiv wie bei der Schilderung der Kämpfe im Christenthume zu bleiben suchten. Wir müssen aber, um unser Gemälde vollständig zu machen, nun noch einen Blick auf die Kämpfe um das Judenthum werfen. 46*