Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1864)
- Date
- 1864-11-01
- Page
- Seite 705 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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705 lang, eine deutsche Schule ins Leben zu rufen. Auch einige jüdische Familien wollten ihren Kindern die Wohlthat dieser neuen Anstalt zu Theil werden lassen, allein zwei Mitglieder des Comites erhoben dagegen ihren entschiedenen Einspruch. Es waren dies Herr Ellermann aus Hannover und Herr Helmsing, russischer Consul, aus Riga, in dessen arroganter Person der ganze altfränkische Judenhaß nnd die hyperboreische Kleinstädterei Rigas hierher gesiedelt schien, um den freien Boden Englands zu besudeln. — Es gereicht uns zur Befriedigung, beifügen zu können, daß die unhumane Opposition von der Majorität überwunden wurde, worauf beide Herren der Sache der Gesittung den Gefallen erzeigten, das Comite zu räumen. Herr Helmsing fand es außerdem für gut, seine eigenen hoffnungsvollen Sprößlinge, die Erben seiner edlen Grundsätze, aus der Schule herauszunehmen. Dieser Vorfall, uns erst neulich zu Ohren gekommen, trug sich bereits im April zu. — Gesinnungen wie die ebenerwähnten scheinen um so weniger hier am Orte, als es in diesem Theile Englands sich nicht selten ereignet, daß Juden durch das Vertrauen ihrer Mitbürger zu Vertrauens- und Ehrenämtern berufen werden. Daß die größte Hafenstadt Westeuropas, Liverpool, in unserm Glaubensgenossen, Hrn. Mozeley, ihren Mayor verehrt, ist Ihnen bereits bekannt; allein mit welchem Erfolge Hr. Mozeley sein wichtiges Amt ausfüllt, davon zeigt der Glanz seines öffentlichen Auftretens und die Ehre, die ihm zu Theil wird, bei so vielen feierlichen Anlässen zu functioniren. Bei einer großen in der Nähe Liverpools im September stattgehabten Revue der Freiwilligen- Corps übernahm Herr Mozeley die Bewirthung der zahlreichen Mannschaft. Ferner wurde derselbe im September eingeladen, bei der Einweihung der Manchester-Tyldesley-Wigan-Eisenbahn zu assistiren, wobei ihm die Ausbringung eines der ersten Toaste oblag. Manchester, im October. (Privatmitth.) Die Gemeinde der British Jews in hiesiger Stadt hat am Donnerstag den 29. Sept. eines der schönsten und bedeutungsvollsten religiösen Feste gefeiert, die im Schoße einer Religionsgemeinde begangen werden können. Die Wiedereröffnung und Neuweihe des schönen, würdigen Gotteshauses nach seiner stattlichen Vollendung und Ausschmückung fand an jenem Tage durch einen feierlichen Abendgottesdienst statt. Diese Andachtsstätte war vor mehr als sechs Jahren von einer kleinen, aber intelligenten und opferwilligen Gemeinde erbaut worden und ward am 25. März 1858 durch vr. Schiller zum erstenmale ihrer frommen Bestimmung übergeben. Obgleich die Synagoge in ihrer Einfachheit und Schmucklosigkeit nicht des Gefälligen und Würdigen entbehrte, so sah man den kahlen Mauern, den unbekleideten Säulen doch an, daß sie für unvollendet galt. Man konnte sie als ein Werk der Eilfertigkeit und wohl auch der beschränkten materiellen Mittel betrachten, das in seiner Entstehung eben dazu diente, einer kleinen, aber tüchtigen und lebenskräftigen Gemeinschaft bei ihrer Lossagung von der Stammgemeinde eine Zustuchtsstätte zu sein. Diese Trennung, so nothwendig begründet in der geistigen Reife der jüngeren Gemeinschaft, so vollkommen gerechtfertigt in ihrer nun bewährten Lebenskraft sowie in der Reinheit und dem redlichen Ernste ihres Strebens, fand im Jahre 1850 statt und nach einer kurzen Uebergangsperiode, während welcher ein bescheidenes Local in Halliwell Street als Bethaus verwandt ward, entstand das gegenwärtige Gotteshaus in Park Place, dessen Ausschmückung indeß besseren Zeiten aufgespart blieb. Während der letzten sechs Jahre nun hat die Park Place-Gemeinde ihre große und dringende Aufgabe mit vollem Bewußtsein erkannt und mit redlichem Fleiße an deren Lösung gearbeitet. Sie hat sich im Innern eonsolidirt, sich durch intelligente, strebsame, um das Gute bemühte Mitglieder der alten Partei verstärkt und mit Glück an der Hebung ihrer Gemeinde-Institute gearbeitet. Die Predigt, die Eonfirmation, der Chorgesang, die Vertretung der Landessprache in der Liturgie sind hier zu wahren Lebens-Elementen des Gottesdienstes erwachsen und die Gemeinde hat sich in das als besser Erkannte mit frohem Bewußtsein hineingelebt. Die Geschichte dieser Gemeinde ist identisch mit der des religiösen Fortschritts im Judenthume, soweit es wenigstens diesen Theil Englands betrifft. Begründet als eine Tochtergemeinde der bekannten londoner Genossenschaft, welche ihre Synagoge in Margareth Street hat, ist sie in nichts hinter ihrem würdigen Vorbilde zurückgeblieben und manche Einrichtungen und Prineipien derselben hat sie mit kräftigerem Bewußtsein durchgeführt. So vertreten diese beiden verwandten Gemeinden ganz allein die Sache der Geistesfreiheit, des frischen, verjüngten Religionslebens im englischen Judenthume: kein geringes Verdienst in einem Lande, 45**