Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1864)
- Date
- 1864-11-01
- Page
- Seite 700 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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700 Ehrgeizes ausgebeutet und sie hat die banalen Fugen dieses Opfers des Klaviers und die hohle Beredsamkeit dieses Mystischen Mystikers von Orgel zu Orgel, von Kanzel zu Kanzel geführt. Wir haben ihn zwanzig Mal dasselbe Präludium und dieselbe Predigt wiederholen gehört, und die Gewölbe vieler Kathedralen ertönten von dem so geheimnißvollen Satze: „Ich habe die Welt gesehen, ich habe die Welt gekannt, ich habe die Welt geliebt." In der diesjährigen Kunstausstellung in Berlin befinden sich auch einige Genrebilder des Malers Stryowsky in Danzig, polnische Juden darstellend. Die „V. Z." berichtet darüber: „Einen dankenswerthen malerischen Vorwurf haben ihm die in Danzig zahlreich anzutrefsenden polnischen Juden mit ihrer halborientalischen Tracht nnd Sitte geboten. Das schöne derartige Bild von ihm auf der letzten Ausstellung, das sie uns betend in der Synagoge zeigte, ist noch unvergessen bei uns. Auch diesmal bringt er zwei Bilder aus ihrem Leben, ohne aber mit einem eine so unbedingt wohlthuende zusagende Wirkung zu erzielen. Die bedeutendste Leistung ist jedenfalls das der „Polnischen Juden im erleuchteten Tempel." Das. effectvolle Licht der Lampen und Kronleuchter, zu einem Abend-Gottesdienst in der Synagoge angezündet, fällt von oben her auf einige Gruppen und Einzelgestalten dieser bärtigen Männer, mit ihren hohen Pelzmützen auf den Köpfen, ihren Talaren, ihren umgeworfenen rituellen weiß- und blaugestreiften Wollendecken, eine Versammlung von Gläubigen, welche ihren frommen Pflichten nicht auf dem Wege still gesammelten Gebets und ruhiger Andacht, sondern im Gegentheil der lebhaftesten äußeren Beweglichkeit mit Hand und Mund am besten Nachzukommen meint. Es geht dadurch dem Bilde nothwendig viel von jener Innerlichkeit, von jener schönen gehaltenen Sabbathstimmung verloren, die des Künstlers obengenanntes Bild auszeichnete, wie wahr und bezeichnend es auch eine andere Seite dieser gottesdienstlichen Sitten des erwählten Volks schildert. Der Meisterschaft, welche sich in der glänzenden Durchführung jener dabei angenommenen Art der Beleuchtung kundgibt, wird man die vollste Anerkennung nicht versagen. Bei dem andern Bilde: „Betende auf einem Judenfriedhofe in Galizien", gefällt sich der Autor in allerlei Seltsamkeiten. Das Ganze ist durch den lichtweißen Nebel, mit dem er Mittelgrund und Ferne umhüllt, zu einer beinahe phantastischen Erscheinung verflüchtigt, und die Körperlichkeit der Dinge ist halb verloren gegangen. Unleugbar aber sind ihm dabei „unter den an den weißen Leichensteinen Betenden", Männern, Frauen, Mädchen und Kindern, tresiliche Gestalten gelungen, ebenso fein und echt, was ihr nationales Gepräge angehl, wie zum Theil wahrhaft ergreifend durch den Ausdruck Liefen Leides und Seelenschmerzes von leiser Rührung bis zum verzweifelten Jammer. —" Literarischer Wochenbericht. Bonn, 24. Octeber. Unsere Leser wissen, daß wir nur wenig in diesem Bl. über die Schriften, die aus unserer Feder fließen, sprechen. Wir geben wohl Kunde davon, wenn wir damit beschäftigt sind, dann auch einen Theil der Vorreden, um mit der Tendenz und dem Inhalt bekannt zu machen; sonst aber schweigen wir. Denn wir wissen, daß in unserer Zeit mit bloßen Lobsprüchen nichts zu bewirken ist. Die bringen wohl eine kurze Zeit eine gute Meinung hervor, machen aber die Enttäuschung hernach um so fühlbarer. Wer die Lage der Dinge genauer kennt, weiß, daß wohl niemand mit mehr Neid, Mißgunst und Feindseligkeit zu kämpfen hat als wir, und dennoch hat der Erfolg alle dergleichen Gehässigkeiten zu Schanden gemacht. Man hat uns mit keinerlei Art von Schmähungen verschont. Wir gingen ruhig unfern Weg, ohne nur zu antworten, und siehe da, wir sind zu Zielen gelangt, die seit langer Zeit im Judenthume zu den Seltenheiten gehörten. Wie oft wurden wir aufgefordert, unsere Schmäher vor Gericht zu ziehen, weil sie hierzu Veranlassung genug gegeben — wir haben es nie berücksichtigt. Wir sagten uns: wäre das Publicum fähig, solche Schändlichkeiten anzunehmen — dann wäre es nicht werth, daß man sich darum kümmert. Die Erfahrung hat gelehrt, daß wir recht gethan. Ja, daö ehrende Vertrauen, das uns beglückt, ist noch stets im Wachsthum und — daß wir es gestehen — in einem Maße, daß es uns bisweilen fast erdrückt und unsere Arbeit und die Anforderungen an dieselbe immerfort zunehmen. — Wenn wir daher heute eine Ausnahme machen und von einer unserer Schriften sprechen, so geschieht dies lediglich aus dem innigsten Dankge-