Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1864)
- Date
- 1864-11-01
- Page
- Seite 699 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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699 fahren dabei ganz objectiv und geben kein Wort des Urtheils. Es ist nur ein Blick auf die Zerwürfnisse und die Zerfahrenheit rings um uns her, in welchen ein großes Ringen des Menschengeistes mit sich selbst, mit den Ergebnissen der Vergangenheit und der Gegenwart, ein Ringen der mannigfaltigen Kräfte, die im Menschengeiste thätig sind, ein Ringen der Phantasie und der Vernunft, des Erkennens und des Glaubens zu Tage tritt, dessen Resultat und Ziel allerdings im Schoße der großen menschengeschlechtlichen Zukunft ruht. N o m. in. Die „Presse" theilt mit: „Der Würfel ist gefallen! Der junge Coen hat, wie aus Rom geschrieben wird, am Tage des heiligen Michael, seinem Namenstage, das Sacrament der Taufe empfangen. Unmittelbar vor dem Taufacte wollte der Papst noch sein Gewissen beruhigen und fragte den jungen Bekehrten, ob er denn wirklich mit Lust und Liebe den neuen Glauben annehme. Mit Heller Stimme und tiefgersthrt von der Milde des Heiligen Vaters antwortete der Knabe: „Gewiß, ich will lieber einen Glauben bekennen, der mir schöne Kleider, gute Speisen und Spielsachen in Hülle und Fülle schafft, und wo ich nicht arbeiten muß, als in meine arme und elende Familie oder zu dem ungläubigen Schuhflicker zurückzukehren, der mir statt süßer Leckereien Püffe und Fußtritte gab." Da das religiöse Gefühl, das allenfalls noch etwas unbestimmt sich äußern mag, von so tüchtigen materiellen Beweggründen gestützt wird, so hat Se. Heiligkeit jede Besorgniß, daß der Neophyte seinen Entschluß bereuen könnte, fahren gelassen, und die heilige Taufhandlung wurde ohne Zögern vorgenommen. Rom, 13. September. (Corriere delle Marche.) Gestern wurde hier auf der Straße della Madonna dei Monti ein armer Hebräer unter der Anschuldigung des schweren Vergehens verhaftet, die Augen erhoben zu haben, während der Knabe Coen am Fenster der Katechurnenenanstalt stand. — Heute reist die Familie Coen ab, nachdem sie ein junges Mädchen von 18 Jahren verlogen hat, deren Tod durch starke Gemüthserregung über den Raub des Bruders und die Verhaftung der Mutter herbeigeführt ist. Rom, 18. September. (Perseveranza.) Die Mutter des Michael Coen hat wegen des Raubes ihres Sohnes und des Todes ihrer Tochter den Verstand verloren. Mit großer Mühe haben ihre Freunde sie den Nachstellungen der römischen Policei entzogen und sie nach Livorno zu ihrer dorthin ausgewanderten Familie gebracht. Zerstreute Bemerkungen. Ein liebenswürdiger Gelehrter, Herr Feuillet de Conches, berichten die Archivcs, welcher die seltensten Autographensammlungen besitzt und von Zeit zu Zeit einige daraus dem Drucke übergibt, hat soeben eine Reihe von Briefen von Ludwig XVI., Marie Antoinette und Elisabeth erscheinen lassen. In der Correspondenz der letzteren findet man folgende Zeilen, die 1790 an Madame de Bombelles gerichtet wurden: „Die Afsemblee hat gestern ihren Dummheiten und Irreligiositäten die Krone aufgesetzt, indem sie den Juden das Recht zuerkannt hat, zu allen Aemtern zugelassen zu werden. Ich kann dir nicht sagen, wie aufgebracht ich über dieses Decret bin. Aber Gott hat seine Tage der Rache, und wenn er lange das Böse duldet, so straft er es doch zuletzt nicht weniger hart." Man erkennt hieraus die Ansichten, welche in der unglücklichen königlichen Familie herrschten. Schlimm wäre es übrigens, wenn wir die religiösen Begriffe der Prinzessin Elisabeth auf die Bourbons als Schlüssel zu ihrem Schicksale anwenden wollten. Vor einiger Zeit machte auch in Deutschland ein Carmelitermönch, Herrmann Cohn aus Hamburg, von jüdischer Abkunst, von sich reden. Bei der neulichen Versammlung katholischer Geistlichen in Mecheln war auch er zugegen und die „Independence beige“ gibt von ihm folgende Charakteristik: „Ehrgeiz, Effectsucht, der Wunsch, von sich reden zu machen, das ist in wenigen Worten der Mann. Als Pianist ohne Zukunft und als Componift ohne Verleger spielte vor 20 Jahren der junge Herrmann bei Listz eine wenig rühmliche Rolle; er trug die Musikhefte seines Meisters; das war seine Art, ihn zu begleiten. Dieser untergeordneten Nolle wurde er aber bald überdrüssig. Er sagte sich, daß es bester wäre, der erste in einem Kloster als der letzte in einem Concerte zu sein, und, wunderbar erleuchtet durch die heilige Jungfrau, ist er Carmeliter-Barfüßler geworden. Während mehrerer Jahre hat die Kirche dieses Wunder des