Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1864)
- Date
- 1864-11-01
- Page
- Seite 698 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226464--22558-3259837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eines neuen Schibolet, eines neuen Eides religiöser Parteigängerschaft), in die schon allzusehr gespaltenen Beziehungen der christlichen Welt ein Element der Zwietracht zu bringen." Sir John Bowring: „Aber es scheint mir, der Zeitpunkt ist gekommen, wo wir bemüht sein müssen, uns von jedem dogmatisirenden Glauben — allen erzwungenen Bekenntnissen, allen vorgefaßten Schlüssen, allen vertuschenden Erklärungen zu emancipiren; unsere Forschungen und Ueberzeugungen mit Ausdauer bis zu ihrer nothwendigen Consequenz zu verfolgen und andere zur Uebung desselben Rechtes und zur Erfüllung derselben Pflicht aufzumuntern. Ich weiß nicht, wie man dem Gang der Wahrheit und den Interessen der Religion beIer dienen kann, als indem man der Forschung den größten Spielraum gestattet. Es ist nicht möglich, noch, wäre es möglich, wünschenswerth, Vergleiche zwischen den geschichtlichen Offenbarungen der Vergangenheit und den wissenschaftlichen Entdeckungen der Gegenwart zu verhindern. Die Bibel muß ins offene Tageslicht gebracht — muß aus der Finsterniß, zu der die ehemalige Autorität sie verdammt hat, hervorgeholt, muß mit kundiger Forschung geprüft und aus der Haft streitender Unwissenheit erlöst, von ihren Spinngeweben gesäubert und ihren Verfälschungen (corruplions) gereinigt werden. Nichts Geringeres sollte vernünftiger Weise denjenigen genügen, die da glauben; mehr können, die da zweifeln, billiger Weise nicht verlangen; aber im Interesse aller darf man so viel fordern. Es ist keine „Anmaßung", die Schlüsse, zu denen man durch nüchternes, ernstes und ehrfürchtiges Studium gelangt ist, der Welt mitzutheilen, mögen die Schlüsse sein wie sie wollen. Die beste Hoffnung für „Glauben", Hoffnung oder Trost wird am Ende gefunden werden, wenn man den geistigen Fähigkeiten, mit denen Gott uns gesegnet hat, im ganzen Reich des Gedankens ihren größten Einfluß und ihre weiteste Wirksamkeit gönnt. Indem wir „alles prüfen", werden wir im Stande sein das Beste zu behalten, und wir können vollkommen sicher sein, daß die großen Wahrheiten, die den Stürmen und Stößen wildbewegter Jahrhunderte getrotzt haben, kommende Zeitalter hindurch ungebrochen fortbestehen werden." Man erkennt also auch hier, daß die auf evangelischem Boden gemachten Versuche, die Wissenschaft an die bisherige christliche Dogmatik zu fesseln, gescheitert sind und das Band noch mehr gelockert haben. An die großen Erschütterungen, die durch den Bischof Colenso, der jetzt freilich retirirt hat, durch die Essays und Reviews in England hervorgebracht wurden, und wie daraus theilweise eine Hinneigung zum Kätholicismus, ja selbst jüngst die Gründung neuer Klöster sich herleitet, daran brauchen wir nur zu erinnern. Daß der Kampf zwischen der katholischen und evangelischen Kirche hierbei auch nicht ruht, ist bekannt. In der jüngsten Zeit hat in dieser Beziehung eine Schrift des Bischofs Dr. Martin zu Paderborn eine außerordentliche Erregung und Erbitterung hervorgerufen. Der Bischof spricht darin einfach aus, daß er die Protestanten immer noch als seine, ihm von Gott zugetheilten Pfarrkinder ansehe, freilich als abgefallene, die er mit aller Macht zurückzuführen berechtigt und verpflichtet sei. Er stößt also die durch den westfälischen Frieden und insonders durch die preußische Verfassung erwirkte Parität der beiden Kirchen um. Daß er in dieser Schrift nebenbei auch den Raub des Mortara und Coen als völlig gerechtfertigt ansieht, kann uns nicht verwundern. Ob er hiermit den Gesetzen des Landes, in welchem er fungirt, Hohn spricht, wird sein Gewissen nicht sehr belasten. Es ist natürlich, daß es an Gegenschriften und Erklärungen von evangelischer Seite nicht fehlt. Als eine jüngste Folge kann betrachtet werden, daß gleich nach einem Besuche jenes Bischofs ein Herr von Düster, 80 Jahre alt und Haupt einer altkatholischen Familie, zur evangelischen Kirche übergetreten ist. Aber auch innerhalb der katholischen Kirche, so fest gegliedert und streng organisirt sie ist, findet gegenwärtig ein großes Schisma statt. Es handelt sich hier um die weltliche Herrschaft des Papstes, die doch so tief in das katholische Dogma eingewachsen ist, daß deren Existenz keineswegs blos als ein äußeres Factum anzusehen ist. Das evangelische Europa verhalt sich dabei ganz passiv. Das katholische Italien ist es, welches diese weltliche Herrschaft beseitigen will, und Tausende von italienischen katholischen Geistlichen haben sich gegen diese weltliche Herrschaft ausgesprochen. Neu angefacht wurde dieser Streit durch die jüngste französisch-italienische Convention, und so verschiedenartige Auslegung diese auch erfährt, so gibt doch z. B. eine eben erst erfließende Erklärung der französischen Kirchenfürsten zu erkennen, daß man diese Convention als einen weiteren Schritt gegen die päpstliche Herrschaft ansieht. — Wir geben hiermit nur eine sehr skizzenartige Darstellung, gewissermaßen nur die Rubriken, in welche tausendfache kleinere Vorgänge zu bringen sind. Wir ver-