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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-01 · Heft 45 (1.11.1864) · p. Seite 697

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 45 (1.11.1864)
Date
1864-11-01
Page
Seite 697 (sequence 3)
Language
German
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f>S7 begriffe und von einer völlig unwahren Anschauung der ethischen Natur des Menschen ausgehen, erleichtert. 3) Es ist ein Gewinn der Kirche, daß sie auf den - angegriffenen Punkt zur Vertheidigung und zum Ausbau gerufen wird. Diesen Ausbau wird sie durch die kirchliche Wissenschaft, die ebenso ein Werk des heiligen Geistes ist wie der Glaube, zu vollziehen haben, und zwar mit Anwendung echt historischer und literarischer Kritik, deren Werk unverkümmert zu vollziehen ist. Der geschehene Ausbau wird, dessen sind wir gewiß, im Einklang mit der Abzielung der christlichen, der evangelischen Kirche stehen. 4) Es ist ein fernerer Gewinn der Gemeinde, daß ihr die Lebensgestalt ihres gottmenschlichen Herrn und Heilands ganz und voll, in ihrer echt historischmenschlichen und in ihrer wahrhaft ewigen göttlichen Seite, daß ihr Jesus Christus als ewig göttliches Wesen in wirklich menschlicher Natur, als Sohn Gottes in Ewigkeit lebend und zeitlich in die Geschichte getreten, vor Augen gestellt und die Erkenntniß seiner allein selig machenden Person und Erscheinung zum Mittelpunkt ihres Erkennens und damit auch zum Schlüssel für die Lösung anderer Fragen christlicher Erkenntniß gemacht wird." — Man sieht, daß der evangelische Kirchentag weder die Kritik noch die Wissenschaft an sich verwirft, ja diese vielmehr als eine nothwendige Ergänzung des Glaubens aufstellt. Aber hierin liegt gerade die außerordentliche Schwäche dieser Erklärungen. Man will, man erwartet, mau hofft aus eine rechte christliche Kritik und Wissenschaft; man gibt zu, daß man sie noch nicht hat; man will sie ausbauen und vollenden; dann werden ihre Resultate mit der heutigen evangelischen Kirche nbereinstimmen. Man verheißt also für die Zukunft und räumt somit für die Gegenwart das ganze Felo. Die katholische Kirche hat daher hierin eine ungemein größere Kraft und Jntensivität. Sie erkennt keine Kritik, keine Wissenschaft an, sondern nur den Glauben an sie. Sie ist fertig, ganz und weist alles andere als falsch und verdammungswürdig zurück. Die evangelische Kirche bekennt selbst, daß sie nicht fertig sei, und räumt so ihren Gegnern die größten Zugeständnisse ein; sie verweist auf die Zukunft; da sie aber bereits viertehalb Jahrhundert hinter sich hat, fragt die Gegenwart, was diese Vergangenheit geschafft habe? Eine ähnliche Erscheinung zeigte sich jüngst in England. Von jeher waren hier die Naturwissenschaften in hohem Grade geehrt und gefördert. Die praktischen Resultate derselben kamen der Nation und der ganzen Menschheit für Schifffahrt, Fabrik und Handel allzusehr zugute, als daß sie nicht allseitig anerkannt und unterstützt werden sollten. Nun stimmen diese Erfolge der Naturwissenschaften nicht immer mit den herkömmlichen und kirchlich adoptirten Auslegungen des mißverstandenen Buchstabens der Bibel überein, woran die Buchstabengläubigkeit der Engländer von jeher großen Anstoß nahm. Um dies zu verdecken, versuchte man jüngst eine Erklärung bei den bedeutendsten Gelehrten zur Unterschrift zu bringen, worin es heißt: „Wir, die Unterzeichneten Jünger der Naturwissenschaften, wünschen unser aufrichtiges Bedauern darüber auszusprechen, daß die Forschung nach wissenschaftlicher Wahrheit heutzutage von manchen dazu mißbraucht wird, die Wahrheit und Echtheit der heiligen Schrift anzuzweifeln. Wir denken, daß das im Buch der Natur geschriebene Wort Gottes, und Gottes Wort, wie es in der heiligen Schrift enthalten ist, wie sehr sie voneinander abweichen mögen, doch unmöglich einander widersprechen können." — „Wir glauben, es ist die Pflicht jedes Jüngers der Wissenschaft, die Natur einfach zur Aufhellung der Wahrheit zu erforschen; und wenn er findet, daß einige seiner Resultate dem geschriebenen Wort oder vielmehr seiner eigenen, möglicherweise irrigen Auslegung desselben widersprechen, sollte er nicht anmaßlich behaupten, daß seine eigenen Schlüsse richtig und die Angaben der Schrift unrichtig sein müssen; er sollte lieber die beiden nebeneinander stehen lassen, bis es Gott gefällt, uns die Art, wie sie miteinander in Einklang gebracht werden können, einsehen zu lassen: und anstatt auf den anscheinenden Abweichungen zwischen Wissenschaft und Bibel zu bestehen, wäre es besser, sich im Glauben auf die Punkte zu stützen, in denen sie übereinstimmen." — Viele unterschrieben; aber desto wirkungsvoller waren die Ablehnungsschreiben, welche einige der hervorragendsten Männer Englands gegen diese Erklärung erließen und dadurch die Kluft zwischen der kirchlichen Buchstabengläubigkeit und der wissenschaftlichen Forschung erst recht bloßlegten. Sie erklärten sich durchaus nicht gegen die Bibel, wohl aber gegen jede Beschränkung in der Auffassung der Bibel, gegen jede unveränderliche dogmatische Fesselung des Verständnisses derselben sowie gegen jeden Zwang in den naturwissenschaftlichen Bestrebungen und Veröffentlichungen. Sir John Herschel schreibt u. a.: „Aber ich halte diese Bewegung für geradezu schädlich, weil sie die direete Tendenz hat (durch Aufstellung 45*

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