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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-11-01 · Heft 45 (1.11.1864) · p. Seite 696

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 45 (1.11.1864)
Date
1864-11-01
Page
Seite 696 (sequence 2)
Language
German
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696 auch freilich als Resultat jener Kämpfe eine liefe, innere Erschütterung in den Geistern zurückbleibt, von der aus neue Angriffe hervorgehen. Die Kritik nun hat eine leichtere Aufgabe; sie ist blos negativer Natur, und die Forderung eigener positiver Schöpfungen wird nicht an sie gestellt; sie überläßt dies der Folgezeit und der Entwickelung. Diese Kritik richtet sich zunächst gegen die ganze Unterlage des Christenthums, gegen die Schriften der christlichen Bibel, ihre Authenticität, Ursprungszeit, Verfasser und Autorität, legt die Widersprüche zwischen den einzelnen Schriften dar, untersucht sie als die Wurzeln der christlichen Dogmatik, zeigt dann weilergehend die unzulängliche Begründung der Dogmen in diesen Schriften, deren Widerspruch gegen jene und kommt so endlich dazu, die Unhaltbarkeit dieser Dogmen nachzuweisen. Nun weiß jedermann, daß die christliche Dogmatik ein enges, genau ineinander gefugtes Bauwerk ist, das, sobald man ein wesentliches Glied herausnimmt, Halt und Zusammenhang verliert und das sich auf einen Grundstein aufbaut, ohne welchen das Ganze nicht bestehen kann, nämlich das Dogma von der Göttlichkeit des Stifters der christlichen Religion. Dies ist es, was diese Kritik so gefährlich macht. Sie richtet sich nicht gegen den Glauben überhaupt; sie greift selbst die Dogmen nicht vom philosophischen oder rationellen Standpunkte aus an, sondern sie fragt: wie sind sie geworden? worauf gründen sie sich? und wie ist das beschaffen, worauf sie sich gründen? Welcher ist der Ursprung dieser Dogmen? woraus sind sie hergeleitet? und sind sie wirklich aus dem Munde des Stifters des Christenthums gekommen? Gegen diese Fragen, Untersuchungen und deren Resultate läßt sich mit gleichen Waffen gar nicht kämpfen, sondern die Kirche kann hiergegen sich nur auf sich selbst zurückziehen und allein ihre eigene Autorität alsdann gegenüberstellen. Es kommt also nur darauf an, wie weit diese Autorität die Geister der Menschen noch beherrsche oder nicht. Aber es ist nicht zu verkennen, daß jene Resultate der Kritik um so gefährlicher sind, weil sie blos negativ sind, darum vom Einzelnen nichts verlangen, als blos ihren Untersuchungen zu folgen, und eben darum der wechselnden Zeitströmung nicht unterworfen, sondern bleibend sind. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen ersieht man aus der Geschichte dieser Kritik. Während die vielfachen philosophischen und rationalistischen Argumentationen gegen die Kirche nur noch in der Literatur und Kirchengeschichte aufbewahrt sind und niemand sich mehr z. B. auf die Angriffe Voltaires und der französischen Encyklopädisten beruft, werden alle kritischen Versuche und Arbeiten, wie sie sich aufeinander aufbauten, noch heute berücksichtigt und in ihren Resultaten gewürdigt und z. B. der wolffenbüttler Fragmentist noch heute für wichtig erachtet, während hundert rationalistische Arbeiten des vorigen Jahrhunderts vergessen sind. Gerade in der neuesten Zeit hat nun jene Kritik der christlichen Urkunden und Dogmen einen großen Aufschwung genommen und ist mit bedeutenden Erzeugnissen hervorgetreten. Strauß, Renan, Kaim, Alm, Schenkel u. a. haben die schärfsten Untersuchungen angestellt und veröffentlicht und ihre Schriften haben die ausgedehnteste Wirkung nach sich gezogen. Es versteht sich, daß die Kirche sich nicht still dabei verhielt. In unzähligen Schriften, Flugblättern und Zeitungsartikeln und von allen Kanzeln herab ertönte das Wort der Verdammniß, und Demonstrationen und Proteste aller Art sollten die Laienwelt dagegen einnehmen und waffnen. In der katholischen wie evangelischen Welt erließen Vereine und Versammlungen Erklärungen gegen jene Schriften. Hier zeigt sich nun auch die Verschiedenheit der katholischen und evangelischen Kirche. Jene beruft sich lediglich auf sich selbst; sie hat mit der Wissenschaft keine Gemeinschaft, sie fordert, daß diese sich ihr in allen Stücken unterordne, und wo sie ihr widerspricht, ist sie ein Werk des Satans, das die Kirche mit ihrem bloßen Worte zurückweist. Anders die evangelische Kirche, die an sich aus der Kritik und wissenschaftlichen Entwickelung hervorgegangen und daher mit der bloßen kirchlichen Autorität nicht durchkommen kann. Als am 14. September der „evangelische Kirchentag", mehr als 900 Männer in seiner Versammlung zählend, in Altenburg tagte, nahm er einstimmig eine Reihe von Sätzen an, aus denen wir folgende hervorheben: „1) Die neuesten Behandlungen des Lebens Jesu haben Zerrbilder dieses Lebens hervorgebracht, deren Entstehung nur durch eine falsche Kritik der Geschichte oder eine leichtfertige Behandlung der heiligen Urkunden möglich wurde, denen deshalb durch wahre geschichtliche Kritik und die allseilige Betrachtung der biblischen Dokumente siegreich begegnet werden kann und soll. 2) Die Arbeit der christlichen Kirche für die wiffenschaftliche und allen Bedürfnissen des Glaubens genügende Erkenntniß des Lebens Jesu ist noch nicht vollendet und hat eben durch ihre unvollendete Gestalt die Angriffe der falschen Kritik, die zugleich von einem falschen Gottes- und Welt-

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