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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-25 · Heft 44 (25.10.1864) · p. Seite 682

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 44 (25.10.1864)
Date
1864-10-25
Page
Seite 682 (sequence 4)
Language
German
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682 jüdischen Geistlichen und Gemeindevorsteher daher allerdings die Pflicht, diesen Beweis zu fordern und nicht eher nachzugeben, als bis er wirklich herbeigebracht worden. In diesen Tagen hielt der berühmte Arzt und Anatom zu Wien, Professor Dr. Hyrtel, bei der Uebernahme des Rectorats der Universität eine Rede, welche großes Aufsehen machte und klar darlegte, daß die materialistische Weltanschauung sich wissenschaftlich durchaus nicht begründen lasse und darum auch in der Naturwissenschaft keinen Boden hätte. Redner zeigte, daß die bisherigen Kenntnisse von der Structur des Gehirns — von den Nervenfasern und Ganglien — nicht genügen, dem Materialismus als Stütze zu dienen. Der Redner sagte u. a.: „Sollte der unendliche Geist, der seinen Willen allenthalben in Hellen Zügen niedergeschrieben, die Gefahr einer hoffnungslosen Sehnsucht, die nie befriedigt werden kann, in unser Herz gelegt haben? Hier steht die Wissenschaft am Ende ihres Forschens. Es wird stille im kühnsten Forschergeiste. Der Glaube tritt in seine heiligen Rechte, der Glaube, den die Wissenschaft nicht widerlegen und nicht beweisen, wohl aber sein Gegentheil als nicht begründet in der Natur der Dinge darlegen kann. Löscht aus dieses Himmelslicht, und der Selbstmord eurer Seele macht aus dem stolzen Herrn der Welt nichts als ein Häuflein stickstoffreichen Düngers für den Acker! Ich brauche nicht die Fülle der sich mir aufdrängenden Gedanken hier der Reihe nach vorzuführen. Alles weist auf ein letztes, über den Sinnen stehendes abstractes Denken hin, und dieses führt zur Gottes-Jdee und ihrem Ausflusse, der göttlichen Seele. In meinem Denkgesetze liegt ihre Wahrheit, ihre Nothwendigkeit. Dieser erste Ring fehlt in der langen Kette von Schlüssen, in welche der Materialismus seine Principien einkleidet. ... Wenn ich mir das eben Besprochene ins Gedächtniß zurückrufe, so kann ich mir nicht erklären, welche wissenschaftlichen Gründe das Wiederaufleben der alten materialistischen Weltanschauung in Schutz nehmen oder vertheidigen. Weder Beobachtung noch Erfahrung lehrt hierüber heute mehr als ehedem, und die mit Recht gepriesene exacte Methode der Naturwissenschaft hat nichts Neues gebracht, ihre Haltbarkeit zu vermehren. Sie ist, was sie damals war, eine Ansicht mit willkürlichen Anfängen und durchaus nicht eine „cognitio certa ex principiis ceriis“ (wie der berühmte römische Redner des Alterthums das Wesen der Wissenschaft definirte). Ihre Deductionen beruhen nicht auf Klarheit und Unantastbarkeit ihrer Argumente, sondern auf der Dreistigkeit ihres Auftretens und der herrschenden Richtung des Geistes der Zeit, welcher Lehren dieser Art mit Liebe zu popularisiren und allgemein zu verbreiten sucht. Zu einem bleibenden Siege hat es der Materialismus noch nie gebracht und wird es auch nie dazu bringen." Es ist sicherlich von großer Bedeutung, daß sich immer öfter und bestimmter die Herren der Wissenschaft selbst gegen den Materialismus aussprechen und dadurch der oberflächlichen Masse die Meinung nehmen, als ob die Wissenschaft materialistisch sei, und daß die Religion aufhöre, wo die Wissenschaft beginnt. Gerade das Gegentheil. Die echte Wissenschaft ist und macht gottgläubig, und nur eine oberflächliche Wissenschaft ist es, welche aus Zweifeln eine Leugnung zieht. Dennoch darf eS nicht unbeachtet bleiben, daß, wenn in unseren Tagen die materialistische Anschauung wieder großen Boden gewonnen, dies seine Ursache in dem Aberglauben hat, welcher seit 10 Jahren mit so vieler Unverschämtheit und Oflentation sich wieder an das Tageslicht gedrängt hat, alles Vernunftgemäße aus der Religion verdrängen, alle Entwickelung in ihr abschneiden will und nach Herzenslust schmäht, verleumdet, verdammt, verketzert und verfolgt. Dieser Erscheinung gegenüber finden viele keinen Halt und werfen sich dem Materialismus in die Arme. Dies ist auch das Kunststück der Vorredner des letzteren — denn indem sie dem Haufen das Schreckbild des Aberglaubens Vorhalten, der von den Ultramontanen aller Confessionen — wir Juden nicht ausgenommen — mit fanatischem Eifer wieder auf den Altar erhoben wird, leiten sie jenen von Stufe zu Stufe bis zum Atheismus. Möchten daher dieselben Männer mit gleichem Freimuth sich auch gegen die andere Seite erklären, denn die Erfahrung weist genugsam nach, daß der Weg vom Atheismus bis zum Köhlerglauben viel kürzer ist als zu einer vernunftgemäßen, religiösen Ueberzeugung. In Leipzig bei Veit L Co. erscheint jetzt eine „nordische Revue" von vr. W. Wolfsohn, dem bekannten Dichter von „Nur eine Seele" und „Die Osternacht." Es liegen uns jetzt drei Monatshefte vor, die in der That durch die Fülle und Mannigfaltigkeit des Inhalts auf den Gebieten der Literatur, Kunst und des öffent-

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