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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-18 · Heft 43 (18.10.1864) · p. Seite 668

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 43 (18.10.1864)
Date
1864-10-18
Page
Seite 668 (sequence 4)
Language
German
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668 Elementarschulen mitgenommen werden, und wie schnell diese, z. B. Schreiben und Rechnen, während der Lehrlings- und Gesellenjahre dem Vergessen anheimfallen) wer hierbei erwägt, wie sehr jetzt fast alle Gewerke, die ganze Technik auf wissenschaftliche Ergebnisse sich stützen, daher eine Menge Wissen erfordern und ein Fortschreiten bedingen, der wird solche Schulen für ein unabweisbares Bedürfniß erkennen. Doch genügen hierzu die s. g. Sonntagsschulen wenig. Vielmehr, sollen dieselben ihren Zweck erreichen, so ist es nothwendig, daß fast täglich den Lehrlingen in Handwerk und Fabrik mindestens eine Stunde an ihrer Arbeitszeit zu Gunsten dieser Schule erlassen werde. Hieran reihen sich endlich 6) die Bildungsvereine. Wir haben aber bei diesen zu bemerken, daß es ein großer Jrrthum ist, wenn man glaubt, daß die der Masse besonders des Arbeiterstandes nothwendige Bildung allein nach der intellectuellen Seite gerichtet sein müsse, daß es also genüge, wenn den Angehörigen dieser Vereine Vortrage gehalten werden, durch welche sie allerlei aus der Natur, Geschichte, Politik und Technik erfahren. Ebenso nothwendig, wenn nicht noch nothwendiger, ist die sittliche Bildung des Volkes, die sittliche Hebung der Maste. Heben wir z. B. eines hervor. Es ist gewiß höchst angemessen, den staatsbürgerlichen und nationalen Gemeinsinn im Arbeiterstande zu fördern; allein nicht minder wichtig ist es, den Gemeinsinn für einander innerhalb der Einzelnen selbst als solcher hervorzurufen, denn daran fehlt es noch viel mehr. Neid und Mißgunst, Verleumdung und Zntrigue spielen unter den Individuen dieses Standes, unter Handwerkern und Arbeitern eine große Rolle, und solange unter ihnen diese Leidenschaften herrschen, möchte das Gute wenig unter ihnen gefördert werden können. Ueberhaupt aber fehlt diesen Vereinen gänzlich das, worauf wieder die sittliche Bildung beruht, das ist: das religiöse Moment. Allerdings berührt man hier eine sehr zarte und schmale Linie. Aber sowie den kirchlichen Vereinen und Genossenschaften das beschränkteste und engherzigste Gepräge aufgedrückt wird, so daß hier das Kirchlich-formale über die echt religiöse, sittliche und intellectuelle Bildung gesetzt wird: so wird im Gegentheil in den Bildungsvereinen in der Regel lediglich nur eine materielle Tendenz verfolgt, selbst das Wissenschaftliche mit ganz materiellem Geiste erfaßt und geformt und alle religiössittliche Tendenz perhorrescirt. Zwischen beiden liegt aber ein weites Gebiet, das denjenigen völlig klar ist, welche Geist und Herz dafür haben. Man erkennt hieraus, daß auch die Gegenwart der positiven Mittel, um die Arbeiterfrage nach ihrem Theile zu lösen oder doch wenigstens bedeutsame Hilfsmittel wirksam zu machen, nicht ermangelt, und daß wir getrosten Muthes in die Zukunft sehen können, ohne nach rechts oder links zu Extremen greifen zu müssen, die doch nur Enttäuschung bald im Gefolge hätten, und ohne uns von Schreckbildern naher und unausweichlicher Krisen ängstigen lassen zu müssen. Es kommt hierbei darauf an, daß ein ernstlicher Wille sich nicht mit Worten begnüge sondern diese zu Thaten reife und das verwirkliche, was der Gegenwart möglich ist, ohne in den Entwickelungsgang der Menschheit und namentlich des industriellen Lebens störend einzugreifen. *) *) Wer die oben zusammengestellten Hilfsmittel, die natürlich von unserer Seite nichts Neues bieten, überschaut, wie sie in ihrer Vereinigung zugleich Verminderung der Noch, reelle Aushilfe und Vermehrung der Bildung bezwecken, wer insonders ihre Tragweite bei wachsender und richtigerer Entwickelung für die Zukunft ermißt, muß darin etwas ganz anderes erblicken als in den wohlthatigen Anstalten der katholischen Kirche, die Freiherr von Ketteler für den Arbeiterstand so überaus rühmt und darin eine viel ergiebigere Quelle findet als in allen liberalen Vorschlägen und Einrichtungen. Das Urtheil der Geschichte über die kirchlichen Wohlthätigkeitsanstalten lautet ganz anders, und um jeden Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, führen wir hier die Worte eines christlichen Geschichtschreibers an, aus einem in England so verbreiteten, also allgemein anerkannten Werke, daß binnen weniger Jahre zehn große Auflagen davon erschienen, nämlich aus Di-. Ilallam, ConslilutionaJ Hi— slory of England from llie Accession of Henry VII to thc (iealh ol‘George III. edit. 10. Vol. 1. p. 80: „Der Geist des blinden Almosengebens, welcher durch die römische Kirche gepredigt wird, ist notorischer Weise die Ursache, nicht die Heilung von Bettlerthum und Armseligkeit. Die klösterlichen Stiftungen, in verschiedenen Gegenden zerstreut, aber in keiner Weise in gleichen Entfernungen und oft an einsamen Orten, konnten nie dem Zwecke einer localen und begrenzten Armenunterstützung entsprechen, die nach dem richtigen Verhältnisse der Bedürftigkeit abgemessen wäre; wenn auch ihre Thore denjenigen geöffnet waren, die an denselben anklopften, um Almosen zu empfangen, und nach Wohlrhätigkeitscsuellen forschten, welche für eine durstige Menge immer zu mangelhaft bleiben mußten. Nichts war mehr im Stande, das vagabundirende Bettlerthum zu fördern, welches äußerst strenge Gesetze unaufhörlich zu unterdrücken strebten. Es war eine harte Aufgabe und muß eine solche immer bleiben,

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