Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 43 (18.10.1864)
- Date
- 1864-10-18
- Page
- Seite 667 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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667 ferntesten Fabrik- und Handelshäuser vermitteln durch bestimmte Agenten den Ver- und Einkauf unmittelbar. Die Producenten und' Grossisten treten durch Reisende mit den kleinsten Ortschaften in directe Verbindung. Messen, Jahrmärkte und Hausirhandel werden immer überflüssiger. Jedermann sieht ein, daß durch die Verminderung der Zwischenhändler und durch das Wachsthum des unmittelbaren Verkehrs die Maaren außerordentlich verwohlfeilt werden und die Production zu größerm Ausgleich kommt. Viele Jahrhunderte werden noch vergehen bis zu diesem Ziele. Die Arbeit der Menschheit geht unaufhörlich fort und wächst mit und durch sich selbst. Biele Geschlechter werden in dieser Zeit kommen und gehen, mit Mühsal und mannigfachem Elend belastet. Aber düs Heil wächst auch von dieser Seite. Die Statistik erweist dies. Die Zustände der Völker geben den Beleg. Jede wahrhaft religiöse Ueberzeugung stellt dies auf. Denn eine solche ist ohne den Glauben an die Waltung der göttlichen Vorsehung nicht möglich. Dieser göttlichen Vorsehung Walten ist aber nicht blos an dem Leben des Einzelnen sondern noch mehr an der Gesammtheit anzuerkennen. Das Ziel dieses großen Entwickelungsganges ist die Ausgleichung der Erwerbs- und Besitzverhältniffe, daß „jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbäume wohne", nicht durch Gewalt und nicht durch erklügeltes System, sondern durch den „Geist Gottes", d. i. den Geist der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Ordnung und der Freiheit. Wir haben immer gesagt, daß das Gebäude der menschlichen Industrie ebenso eine Schöpfung Gottes sei, ausgeführt durch den Geist und die Hand des Menschen, wie die Natur, ausgeführt durch das göttliche Gesetz und die Elemente des Stoffes. Beide gehen in der Zeit vor sich. Beiden ist die Entwickelung das Wesen. Durch jene Entwickelung werden die drei großen Rechte in der Menschheit, Intelligenz, Capital und Arbeit, zu gegenseitiger Ausgleichung und naturgemäßer Wirksamkeit kommen. Jetzt wirken diese noch in einer äußerlichen Verbindung, jede egoistisch und individuell und darum vielfach feindselig gegeneinander. Innerhalb jener Entwickelung werden sie organisch vereinigt und durchdringen sich in harmonischem Verhältniß. Dann wird die Arbeiterfrage gelöst sein. Die Ausgleichung der Production besteht wesentlich auch in der Ausgleichung der Erwerbsverhältnisse. Jene von uns bezeichnten Quellen der Besitzverschiedenheit werden dann allmählich verstopft und mit ihrer Schließung der sittliche Werth jedes einzelnen Menschen zu seiner vollen Wirksamkeit kommen. Er allein wird entscheidend werden über das Loos des Individuums. — Wir wissen, was man uns entgegnen wird. Man wird sagen, wir rücken in eine ferne Zukunft eine Lösung, die man schon jetzt verlangt. Wir nehmen dies nach unserer innigsten Ueberzeugung an. Was der Zukunft gehört, kann die Gegenwart nicht geben. Wir billigen jedes Verlangen, sobald es ein Mittel zum Anstreben und zur Thätigkeit ist. Stellt es aber eine unmittelbare Erfüllung als Forderung auf, so ist es zurückzuweisen. Von einem Schößling kann man noch keine Früchte verlangen. Aber gerade darum erkennen wir die Berechtigung und Nothwendigkeit aller der Mittel an, durch welche die Uebel der Gegenwart gemildert und die Zukunft vorbereitet werden können. Sie sind Täuschung, wenn sie als Universalunttel ausgegeben werden. Sie haben große Bedeutung und Wirksamkeit als Palliativ- und Erziehmittel. Zählen wir uns die vorzüglichsten dieser Hilfsmittel für den Arbeiterstand auf. Voranzustellen haben wir hier: 1) Die Kranken- und Alterversorgungskassen. Die Regelung dieses vorläufig wichtigsten Hilfsmittels zur Verminderung der Noth des Arbeiterstandes kann durchaus nicht dem freien Belieben überlassen bleiben, das ebenso ungenügend wie der Unordnung und den Defects zugänglich bleibt, sondern muß gesetzlich geregelt werden. Ebenso wenig kann eine wesentliche Aushilfe allein durch die Beiträge der Arbeiter selbst erwirkt werden, sondern es müssen Beiträge der Arbeitgeber und Zuschüsse aus städtischen und Staatsmitteln hinzutreten. Die Motivirung der Berechtigung hierzu ist überflüssig. 2) Die Gewerbsbanken, welche dazu dienen, Innungen, Associationen und den einzelnen Gewerbsleuten gegen Sicherstellung Vorschüsse zu machen und Darlehen zu geben. Die Nothwendigkeit und Nützlichkeit solcher Einrichtungen ist gegenwärtig allgemein anerkannt. Schreiber dieses war vielleicht der erste, der den Gedanken hierzu aussprach, nämlich in (gedruckten) Vorträgen im Jahre 1847, aber auch diesen Gedanken in seinem damaligen Wohnorte zu verwirklichen half. Hierdurch ermöglichen sich auch 3) Vereine zum Ankauf von Rohstoffen und 4) Consumvereine, bei welchen es allerdings auf die richtige Organisation und Controle ankommt, um zu dauerndem Nutzen der Betheiligten zu wirken. Nach einer anderen aber nicht minder wichtigen Seite hin zielen 5) Gewerbs- und Arbeiterschulen. Wer da weiß, wie gering die Kenntnisse sind, welche aus den 43*