Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 43 (18.10.1864)
- Date
- 1864-10-18
- Page
- Seite 666 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226462--22522-3259799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
666 angewiesen, und wenn auch die Kunst der natürlichen Beschaffenheit vielfach zu Hilfe kommen kann, so werden doch in jedem Landstrich nur gewisse Erzeugnisse in ergiebiger und lohnender Weise erzielt werden können. Ein Gleiches findet aber auch hinsichtlich der Verarbeitung der Rohstoffe, also der Fabrik und des Handwerks statt. Die leichtere Anschaffung der Rohstoffe, die Nähe aller der Hilfsmittel, welche zu der Bearbeitung derselben nothwendig sind, die vorhandenen Arbeitskräfte, die intellectuelle und technische Begabung und der Charakter des Volkes sowie die Nähe der Absätzplätze entscheiden für die Naturwüchsigkeit oder die Künstlichkeit einer Production und damit über die Ergiebigkeit und den Erfolg derselben. Es war ein irrtümlicher Standpunkt, als man noch allgemein annahm, das volkswirthschaftliche Heil bestehe darin, daß jedes Land möglichst alles producire, was es verbraucht. Nach demselben Grundsätze müßte jedes Haus selbst verarbeiten, was es braucht, und endlich gar jeder einzelne Mensch. Was gehörte nicht früher alles zu dem, was eine tüchtige Hausfrau selbst in ihrem Hause produciren sollte, und wie ist man hiervon zurückgekommen. Es ist viel vortheilhafter, das zu kaufen, was man selbst nur mit größerem Aufwande an Zeit, Arbeit und Mitteln hervorbringt, als der Kaufpreis beträgt, während man mit jenen etwas producirt, was einem mehr als jener Kaufpreis einträgt. So verhält es sich mit dem Einzelnen, mit der Familie und mit den Völkern. Sobald mau das Erzeugniß des eigenen Landes höher bezahlt, als man es vom Auslande beziehen kann, so ist dies ein Beweis, daß das eigene Land für diese Production nicht geeignet ist und daß es eine Production des eigenen Landes gibt, welche durch den Verbrauch im Lande und durch die Ausfuhr viel lohnender wäre. Jeder Schutzzoll, sobald er aufhört, ein Erziehmittel innerhalb der ersten Jahre einer Production zu sein, läßt die Producte des eigenen Landes zu Gunsten einiger Producenten vom ganzen Volke theurer bezahlen, also mit Aufopferung der eigenen Production, als dieselben Maaren vom Auslande zu beziehen wären, beruht also auf einer volkswirthschaftlichen Täuschung und Fiction, indem man die naturwüchsige eigene Production für die erkünstelte eigene Production aufopfert. Die Handelsfreiheit bringt nun sofort das energische Correctiv für solche Zustände herbei. Vor ihr verschwindet jede erkünstelte Production und sie belebt in überraschendster Weise die naturwüchsige Production. Der Handel, wenn er frei ist, strebt durchaus nicht blos nach Ausfuhr, sondern sein Interesse bedingt in ganz gleichem Maße die Beeiferung um Einfuhr. Der Handel begünstigt also niemals ausschließlich weder die Einnoch die Ausfuhr, sondern strebt gleicherweise nach der einen wie nach der anderen und gleicht hierdurch beide miteinander aus. Stellen wir uns also die extensive Vermittelung und Verbindung durch den Handel als vollständig über die ganze Menschheit sich erstreckend vor: so muß die Wirkung sein, daß sich allmählich auch die Production zu einer regelmäßigen Organisation entwickelt und ausbildet, so daß sowohl in der Erzeugung der Rohstoffe als auch in der Verarbeitung derselben sich eine vollkommene Ausgleichung, eine sichere Gliederung herstellt, in welcher, eben wie in einem Organismus jedes Glied, jedes Gebilde, jedes Organ seine bestimmte Aufgabe und Thätigkeit hat, durch deren Zusammenwirken das Ganze in seiner Ganzheit und jedes Einzelne in seiner Eigenthümlichkeit besteht und gedeiht. 3) Auf demselben Grunde wird aber auch der Handel selbst sich naturgemäßer gestalten. Der Handel ist an sich nur eine Zwischengliedschaft, unentbehrlich und mannigfaltig. Sein-Bortheil und seine Chancen bestanden bisher vorzugsweise in der Unregelmäßigkeit und Verwirrung der Production und in der Entfernung und Unbekanntschaft der Producenten und Consumenten. Dadurch ward einerseits der Handel zur Speculation in allen ihren Graden und Tendenzen und hierdurch zu riesenhaftem Gewinn und Verlust geeignet, andererseits die Menge der Zwischenglieder vom Producenten bis zum Consumenten außerordentlich vermehrt, also die Waare vertheuert zum Schaden der ersteren wie der letzteren. Denn mit der Vertheuerung einer Waare mindert sich auch deren Consum, also auch deren Production. Nach beiden Seiten hin nun wird durch die immer wachsende Verbindung und durch die organische Regelmäßigkeit der Production die Menschheit eine Umgestaltung der Verhältnisse von ungeahnter Tragweite erfahren. Auch der Handel wird ein völlig geregelter Austauschweg, aus der Speculation zu einem organischen Verkehr werden, seine Chancen sich vermindern, sein Gewinn sich regeln. Gewisse Erfolge auf diesem Entwickelungsgange kann man schon jetzt beobachten. Der sogenannte Zwischenhandel in den Binnenländern hat sich ungemein vermindert. Consument und Producent sind sich schon bei weitem näher gerückt. Der Detailist bezieht nicht mehr vom nächsten Zwischenhandelsplatz sondern schon direct von den größten Handels- und Seeplätzen. Die überseeischen Handelsverbindungen vergrößern sich ungemein. Die ent-