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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-11 · Heft 42 (11.10.1864) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 42 (11.10.1864)
Date
1864-10-11
Page
Seite 658 (sequence 10)
Language
German
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«88 wie bisher „Judenschulgasse" heißen, sondern von nun an den Namen „Bail-Straße" *) tragen. — Wie der Professor Rosenkranz in Königsberg, ist auch unser Berthold Auerbach seitens der russischen Regierung beauftragt worden, über die von derselben beabsichtigte Reform im Unterrichtswesen ein Gutachten abzugeben; wie ersterer, so hat auch letzterer in einer ausführlichen Denkschrift geantwortet, und wie jener, so hat auch dieser von dem Kaiser den St. Annen-Orden erhalten. In der Gemeinde Landsberg a. d. Warthe ist seit etwa 4 Monaten Herr vr. Ktempert aus Prag als Rabbiner und Prediger angestellt. Derselbe ist um die Hebung des jnoischen Schulwesens ernstlich bemüht. Der Religionsunterricht wirb von ihm selber mit Eifer und Wärme ertheilt. Oesterreichischer Kaiserstaat. Brody, 23. September. lPresse.) Unter den größeren Städten jenes Landestheiles, der nach der Theilung Polens an Oesterreich kam, war Brody diejenige, die ob ihrer Lage an der russischen Grenze und ihrer zahlreichen, gewerbsthätigen Einwohner als ein wichtiger Handelsplatz anerkannt und auch im Jahre 1779 zur freien Handelsstadt erklärt wurde. Brody zählte damals gegen 18,000 Einwohner mosaischer Confession, die sich ausschließlich dem Handel widmeten und auch ihre Söhne für den Handelsftand erzogen. Als sich die dortige, allmählich erweiterte Normalschule als ungenügend für die Heranbildnung geschäfts- und handelskundiger Männer zeigte, beschloß die Judengemeinde, auf eigene Kosten eine Realschule zu gründen, in der auch die Handelswissenschaften gelehrt werden sollen. Der ausgearbeitete Realschulplan wurde im Herbst 1814 Allerhöchsten Orts vorgelegt, und in der im Jahre 1815 herabgelangten Bewilligung genehmigte Kaiser Franz nicht nur die Errichtung einer Realschule für die „Judenschast von Brody," sondern es wurde auch der jüdischen Realschule in Brody anheimgestellt, die Söhne der christlichen Einwohner zum Unterrichte in einzelnen oder mehreren Fächern zuzulassen, und angeordnet, daß diesfalls die Eltern christlicher Jünglinge sich *) Nach einem um die Stadt verdienten Manne, welcher Bail geheißen. Der Referent. mit den Vorstehern der Lehranstalt ins Einvernehmen zu setzen hätten. Da die noch im selben Jahre ins Leben getretene Anstalt zunächst für Handelsbeflissene berechnet war, so wurde auch den Handelswissenschaften die meiste Sorgfalt zngewendet. Anfangs war der ganze Unterricht in zwei Jahrgänge gelheilt und in jedem derselben wöchentlich 33 Unterreichtsstunden in den erforderlichen Lehrgegenständen bestimmt. Als Bedingung zum Eintritte in diese Anstalt genügte das Zeugniß über die mit gutem Erfolge erlernten Gegenstände der dritten Normalclasse. Die Candidaten für die Lehrerstellen hatten sich nach den allgemeinen Vorschriften einer Lehrbefähigungs-Prüfung an einer christlichen Lehranstalt zu unterziehen, dagegen blieb der Judengemeinde von Brody das Recht unbenommen, den Candidaten für das Lehramt, oder wenn es mehrere Candidaten gab, eine Terna dem Landes-Gubernium vorzuschlagen, woran sich übrigens diese Stelle nicht für gebunden hielt. Die Leitung der Anstalt wurde einem der Lehrer übertragen, der dafür eine Zulage von 200 fl. bezog; die Judengemeinde behielt sich aber die Miteinsicht in den Unterricht und in dessen Gedeihen durch eigene drei Jnspectoren und das Recht zu Verbesserungsvorschlägen vor. Die Jnspectoren wurden von der Judengemeinde gewählt. Die Aufsicht über die Realschule und ihr Gebühren führte das Kreisamt durch den Kreishauptschul-Director und das Gubernium, welches über die Unterrichts-Angelegenheiten von Zeit zu Zeit die christliche Schulen-Oberaufsicht zu vernehmen pflegte. Die später an den Volks- und Realschulen in Oesterreich eingeführten Reformen blieben ohne besondern Einfluß auf die Realschule in Brody, die ihren eigentlichen Charakter als Handlungsschule bewahrt; nur hat sie seit jener Zeit mehr Selbständigkeit gewonnen und ist von der katholischen Anstalt daselbst weniger abhängig. In wenigen Monaten feiert nun die Realschule in Brody, die einzige Anstalt ihrer Art nicht blos in Oesterreich sondern in Europa überhaupt, ihr fünfzigjähriges Jubiläum. Sie verdient besondere Beachtung, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt, unter denen sie gegründet wurde, und die großen und schweren Opfer erwägt, welche die Judengemeinde gebracht hatte, um ein mustergiltiges Institut ins Leben zu rufen. So mächtig und einflußreich der katholische Klerus in Galizien ist, wurde die jüdische Realschule dennoch stets

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