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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-11 · Heft 42 (11.10.1864) · p. Seite 651

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 42 (11.10.1864)
Date
1864-10-11
Page
Seite 651 (sequence 3)
Language
German
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651 wärtigen Papst für diese Vorgänge verantwortlich machen. Hat doch derselbe Pius IX., welcher 1846 das Ghetto in Rom aufhob und dessen Thore niederreißen ließ, 1850 dieselben wieder hineinsperren lassen, so daß Rom mit sehr geringen Ausnahmen noch die einzige Stadt der civilisirten Welt ist, wo ein Ghetto in strengster Weise erhalten wird. Und welch ein Ghetto!*) Allerdings haben wir Juden kein Mittel zur Abwehr. Die Landesgesetze aller Staaten verbieten solche Vorgänge. Geschehen derartige Dinge in einzelnen Fällen, so wird die nachdrückliche Anrufung des Staatsgesetzes Remedur bringen. Im päpstlichen Staate ist dies anders. Aber wo die eigenen Kräfte nicht ausreichen, da tritt die Solidarität der Menschheit ein, die, längst kein bloßer Gedanke mehr, schon stark in der Wirklichkeit steht. Da tritt die göttliche Vorsehung und Vergeltung ein, die mit sicheren Schritten durch die Weltgeschichte schreitet. Kurz nachdem die Coen'sche Asfaire bekannt worden, schrieben wir in diesem Blatte, daß, wie nach der Mortarageschichte die Legationen und die Mark dem päpstlichen Stuhle verloren gingen, ein Aehnliches sich auch nach dem Vorgänge Coen's ereignen könne. Unserm Ausspruche ist die That schnell gefolgt: die französisch-italienische Convention. Es ist nicht unsere Sache, diese in ihrer Tragweite zu beurtheilen. Halten wir uns an die klerikalen Blätter, die französischen, belgischen wie deutschen, so ist diese Convention ein böser Schlag für das Papst¬ *) Die „Voss. Ztg." läßt sich bei dieser Gelgenheit schreiben: „Die Geschichte mit Coen rief in manchem, auch in mir, das alte Interesse für den Ghetto wach. Ich besuchte ihn nach langer Zeit einmal wieder; es bleibt eines der merkwürdigsten Stücke Erde der ewigen Roma: über fünftehalb Tausend Juden leben da auf einer Oberfläche, arm, verachtet, unterdrückt; in jeder andern Stadt wohnt kaum ein Sechstel dieser Bevölkerung auf einem so kleinen Raume zusammengedrängt. Tritt man in eine Ghetto-Straße, zumal in die Fiumara, die die Tiber alljährlich bis zum ersten Stockwerk der Häuser unter Wasser setzt, so finden wir Israel vor seinen dunkeln Hütten im Schweiße des Angesichts, in Mühsal vergraben. Die Hauptbeschäftigung ist, zwischen Lappen und Lumpen zu wühlen, ein passendes Stück zu irgend welcher Flickerei zu entdecken, denn ganz Rom läßt im Ghetto flicken, was ein christlicher Schneider als zu gering von der Hand weifte Die Töchter Zions arbeiten mit dem ago d’oro (der goldenen Nadel), sie sind unerreichbar im Nähen, Stopfen, Flicken, sind wahre Arachnen, aber der Lohn alles dieses Fleißes ist das tiefste Versunkensein in das gesellschaftliche Elend. thum. Schreiben doch die ultramontanen „Köln. Blatt." selbst: „Die weltliche Souveränität des Papstes in ihrer bisherigen Gestalt ist menschlichem Ermessen nach wenigstens für eine gewisse Zeit verloren, darüber wird man sich keine Illusionen mehr machen dürfen. Napoleon wird sein Programm ausführen. Er hat alle Triebkräfte der modernen Ideen wieder um sich versammelt, und wir sehen nirgendwo eine menschliche Macht, welche stark genug wäre, das Wirken derselben aufzuhalten. Der Papst wird aufhören, weltlicher Regent zu sein; denn das napoleonische Programm läßt ihm zwar die Würde eines Fürsten, es macht ihn nicht zum Unterthaneu, aber es entkleidet ihn aller realen weltlichen Regierungsgewalt." — Jedenfalls sind die abgefallenen Provinzen des Kirchenstaates dem italienischen Reiche nunmehr garantirt und die französische Besatzung wird aus Rom abziehen. Politische Händel gehen uns in diesem, dem Judenthume gewidmeten Blatte nichts an; aber man wird die Befriedigung natürlich finden, wenn wir hoffen, daß, wie jetzt in Bologna eine Mortarageschichte nicht mehr möglich ist, in Zukunft auch in Rom die Asfaire Coen sich nicht wiederholen werde, und daß also die jüdischen Familien vor solchen Eingriffen in ihre heiligsten Gefühle und in ihre natürlichsten Rechte geschützt sein werden. Zerstreute Bemerkungen. Es ist schon oft geltend gemacht worden, daß die Lehren und Grundsätze des Judenthums auch außerhalb des specisischen Judenthums weite Verbreitung gefunden haben, ohne daß sie durch ein bestimmtes Bekenntniß zum letzteren bekundet wurden. In einem uns jüngst vorliegenden Werke: „Dr. Henry Ilallain, IiiLroduction lo ihc Literalure of Europe in Ihe Jifteenlh, sixleenth aml seventeenlli Ccniuries (6. Auslage)" finden wir hierfür einen merkwürdigen Beleg und stellen wir hierüber das Nöthige aus mehreren Stellen des Hallam'schen Werkes zusammen. Unter allen Schriftstellern des sechzehnten Jahrhunderts, welche die Politik wissenschaftlich behandelten, ist der bei weitem bedeutendste Jean Bodin, ein Franzose, welcher sein Werk „Ueber das Gemeinwesen" (de 1a Republique) im Jahre 1577 veröffentlichte. „Ich kenne keinen politischen Schriftsteller dieser Zeit", sagt Stewart 42*

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