Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-11 · Heft 42 (11.10.1864) · p. Seite 650

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 42 (11.10.1864)
Date
1864-10-11
Page
Seite 650 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226461--22501-3259777
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

650 geworden: die Masten feige und genußbegierig der Handelsstand betrügerisch und voll falscher Eide, die Beamtenwelt tyrannisch, die Richter käuflich und ungerecht, ihr Amtspersonal verleumderisch, die Soldaten Räuber und auch unter den Reichen und dem Adel fast keiner, der nicht durch Ehebruch, Mord und Todtschlag befleckt wäre. Wiederholt verwüstet wurde Italien, belagert und erobert selbst Rom: aber seine Laster hat das Volk nicht abgelegt; überfluthet von Barbaren wurde Gallien, die schlechten Sitten der Gallier aber sind geblieben nach wie vor; in Spanien drangen die Vandalen ein, alles wurde verändert, nur die allgemeine Verdorbenheit nicht. Ueber das Meer dann setzten die Barbaren, eroberten und verwüsteten die Kornkammern des Reiches, Sardinien und Sicilien, und zogen dann weiter nach Afrika hinüber: und auch dort die gleiche Unverbesserlichkeit. Während der Waffenlärm der Feinde die Mauern von Cirta und Karthago umtoste, saß die christliche Bevölkerung dieser Städte vergnüglich im Circus und Theater; während die draußen durch das Schwert fielen, schwelgten die drinnen in allen Lüsten des Lasters. Das ganze Römerreich ist morsch und faul, im Angesicht der Knechtschaft spielen, gegenüber dem Tode lachen wir noch: kein Wunder, daß das Reich rettungslos verloren, in den letzten Zügen liegt und endlich wird, was es längst verdient hat. Die Vandalen sind es, welche Spanien und Afrika von der Pest der Unzucht und gänzlicher Versunkenheit gereinigt haben; die Gothen sind zwar ketzerisch, aber keusch, sie dulden keinen Ehebrecher unter sich; die Franken lügenhaft, aber gastfrei; die Sachsen wildherzig, aber von bewunderungswürdiger Züchtigkeit: alle diese barbarischen Stämme haben neben eigenthümlichen Fehlern auch eigenthümliche Vorzüge; wir Römer aber nur Laster: weshalb unsere Länder mit Recht in die Gewalt der Barbaren gegeben sind, damit sie durch diese gereinigt werden." — So ist also eine neue Versittlichung der Welt nicht durch das Christenthum, sondern erst durch die neue Völkerfamilie, welche über die alte Welt hereinbrach, gekommen. Andererseits wäre es doch eigenthümlich, einen Sieg der jüdischen Ideen da zu finden, wo, nachdem soeben die römischen Kaiser sich zum Christenthume bekannt hatten, den Juden das Bürgerrecht genommen, Staatsdienst, bürgerliche Ehre, Kriegsdienst, Grundbesitz und Gewerbe nach und nach entzogen und sie, wie einst aus Judäa, so aus der Gesellschaft hinausgeschleudert wurden. Hierzu ging für die nächsten anderthalb Jahrtausende der Impuls von Rom aus und wir haben noch päpstliche Decrete genug, welche Kaisern und Königen für jede Begünstigung der Juden drohende Mahnungen zukommen ließen. Unter der Aegide der zweiten römischen Weltherrschaft gingen die blutigen Verfolgungen der Juden vor sich, wenn auch von manchem Papste in einer menschenfreundlichen Anwandlung eine Mißbilligung derselben erfloß. Wir haben keine Beispiele solcher umfassenden Verfolgungen durch Schwert, Brandfackel und Scheiterhaufen im Bereiche des griechischen Katholicismus, noch weniger in den protestantischen Ländern. Im letzten Jahrzehnt hat Rom die Aufmerksamkeit der civilisirten Welt durch wiederholte zwangsweise Taufe und Einsperrung jüdischer Knaben auf sich gezogen. Geschah dies auch in früheren Jahrhunderten, so hätte man es doch in unserer Zeit nicht mehr für möglich gehalten, daß man Kinder im zartesten Alter aus dem Schoße ihrer Familien reißt, sie dem Schmerzensschrei der Eltern vorenthält und gewaltsamerweise der Kirche zuführt; daß man hierbei allen Protestationen der civilisirten Welt, dem diplomatischen Einschreiten katholischer Fürsten kein Gehör schenkt, hat die Entrüstung der Welt hervorgerufen und sie über die Tendenzen der Ultramontanen aufgeklärt. Wenn man bei dem Knaben Mortara vorgab, er sei in seiner frühesten Kindheit von seiner fünfzehnjährigen Kindsmagd getauft. worden und dies genüge, um ihn als Christen seinen jüdischen Eltern zu entreißen: so hatte man bei dem Knaben Coen diese Entschuldigung nicht und griff zu der Behauptung, der 10jährige Knabe habe getauft werden wollen. Man behauptet, die Kirche erkläre in Bezug auf die Taufe jedes 7 jährige Kind für mündig, in jeder andern Beziehung bleibe es unmündig. Eine solche Satzung überlassen wir dem Urtheil der Welt. Um den gegenwärtigen Papst zu rechtfertigen, behauptet man, daß er durch Decrete früherer Päpste gebunden sei. Allein dies ist unwahr. Schon Jnnocenz III. erließ im September 1199 eine Bulle, in welcher er jede zwangsweise Taufe eines Juden verdammte, und andere Päpste erklärten eine solche für null und nichtig. Aber warum hält man sich von diesen päpstlichen Decreten nicht gebunden? Doch die Sache an sich ist unrichtig. Die „Iniiepenlleneo beige“ weist darauf hin, daß fast alle Päpste in ihren Bullen die Formel „ohne Rücksicht auf die. Breven und Rescripte unserer Vorgänger" gebraucht haben und daß Pius VII. die Bulle Clemens XIV., welche den Jesuitenorden unterdrückte, einfach aufhob. Wir müssen daher allerdings den gegen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.